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Erneuerungs-Impulse für Kultur und Wissenschaft

Schmidt-Nummer: S-4776

Online seit: 28th February, 2018

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ERSTER VORTRAG

 

ANTHROPOSOPHIE UND

NATURWISSENSCHAFT

 

Berlin, 6. März 1922

 

Sehr verehrte Anwesende! Es war der Wunsch des Komitees für diese Hochschulwoche, daß ich an jedem Tage durch einige Ausführungen einleite, was im Laufe des Tages wissenschaftlich zur Verhandlung kommen soll. Es ist das ja wohl so eingerichtet worden aus der Anschauung heraus, daß durch Anthroposophie die einzelnen Wissenschafts- und Lebenszweige eine gewisse Befruchtung erfahren sollen; und nur in diesem Sinne, als einleitende Bemerkungen zu den Verhandlungen des Tages, bitte ich Sie diese ersten Vorträge aufzufassen.

Was mich immer am meisten gewundert hat bei der Entgegennahme der anthroposophischen Forschungsmethode, das ist der Widerstand, der insbesondere von philosophisch-naturwissenschaftlicher Seite — ich sage nicht: rein von naturwissenschaftlicher Seite — der Anthroposophie entgegengebracht wird, und zwar aus dem Grunde, weil man glaubt, daß Anthroposophie in einer unberechtigten oppositionellen Weise den Methoden der Naturwissenschaft gegenüberstehe, welche sich in so fruchtbarer Art im Laufe der letzten Jahrhunderte, insbesondere des 19. Jahrhunderts herausgebildet haben. Und mir scheint, daß unter all den Dingen, die in bezug auf Anthroposophie von unserer Zeitgenossenschaft am allerschwersten eingesehen werden, das ist, daß Anthroposophie gerade gegenüber der Naturwissenschaft nichts anderes will, als die Methoden, die in der Naturwissenschaft sich so fruchtbar erwiesen haben, in entsprechender Weise weiterzubilden. Allerdings muß man unter der Idee der Weiterbildung etwas anderes noch verstehen können, wenn man von dieser Seite her zum Begreifen des Anthroposophischen kommen will, als das, was man gewöhnlich heute eine Weiterbildung von theoretischen Anschauungen nennt.

Eine Weiterbildung der theoretischen Anschauungen ist heute den meisten Menschen dieses: daß die besondere Art der Gedankenverknüpfung — insbesondere, wenn ich mich so ausdrücken darf, das Feld der Gedanken — dieselbe bleibt, auch wenn man die betreffenden Gedankensysteme auf andere Gebiete der Welterscheinungen ausdehnt. So zum Beispiel: Man kommt, wenn man sich naturwissenschaftlich betätigt, gegenüber der leblosen, der anorganischen Natur in die Notwendigkeit, gewisse Gedankenverknüpfungen, ein gewisses Feld von Gedanken, das heißt eine Summe von miteinander verbundenen Gedanken zugrundezulegen, um gewissermaßen eine Theorie der unorganischen, der leblosen Naturerscheinungen zu bekommen. Dieses System von Gedanken will man dann so, wie es ist, weiter ausdehnen, wenn man ein anderes Gebiet der Welt, also zum Beispiel das Gebiet der organischen Naturerscheinungen, zu begreifen bestrebt ist. Man will also mit derjenigen kausalen Orientierung, die sich so fruchtbar erweist im unorganischen Gebiet, einfach hinübergehen in das Gebiet der Lebewesen und diese mit denselben Begriffen durchtränken und erklären, also gewissermaßen begrifflich das Gebiet der Lebewesen ebenso zu einem Wirkungssystem von unorganischen Kausalitäten machen, wie man ja genötigt ist, es gegenüber der leblosen, der unorganischen Natur zu tun. Also was man sich angeeignet hat als Gedankensystem aus der leblosen Natur, das trägt man einfach hinüber in die organische Natur. Und das ist das, was man heute gewöhnlich unter «Erweiterung» von Gedanken und Theorien versteht.

Damit steht allerdings dann im vollen Gegensatz, was Anthroposophie unter einer solchen Erweiterung von Gedanken verstehen muß. Sie muß den Begriff eines gewissen selbständigen Wachsens, eines Sichmetamorphosierens der Idee vollziehen, wenn von einem Gebiete der Welterscheinungen zu einem anderen übergegangen wird, so daß man nicht bloß das, was man an den leblosen Naturerscheinungen gelernt hat, ich möchte sagen «logisch übertragen» kann auf die belebten Naturerscheinungen. So wie vergleichsweise in der Lebewelt die Dinge selber sich sehr verändern, wenn sie wachsen, wenn sie Metamorphosen durchmachen, und wie sie dann oftmals in der Gestaltung, die sie angenommen haben, gar nicht wiederzuerkennen sind, so müssen auch die Gedanken andere Gestaltungen annehmen, wenn sie in ein anderes Gebiet kommen. Was aber über alle Gebiete hin dasselbe bleibt und was dann der ganzen wissenschaftlichen Weltauffassung methodisch einen monistischen Charakter gibt, das ist die Art und Weise, wie man sich innerlich stellt zu dem, was man «wissenschaftliche Gewißheit» nennen kann, was die Grundlage gibt zur wissenschaftlichen Überzeugung. Wer zu prüfen vermag, warum man nicht mit den Begriffen, die man in der leblosen Natur schon einmal gewohnt ist anzuwenden, zu einer Befriedigung des menschlichen Kausalitätsbedürfnisses kommt — wenn ich mich des Du Bois-Reymondschen Ausdruckes bedienen darf —, wer das wirklich innerlich kennenlernt, der kann es dann hinüberführen in die Art und Weise, wie man durch ganz andere Begriffe, die aber doch nur Metamorphosen gegenüber den früheren Begriffen sind, überzeugt wird in der Welt des Lebendigen. Diese Art, wie sich der Mensch da innerhalb des Wissenschaftsgetriebes stellt, ist durchaus monistisch durch die ganze wissenschaftliche Weltanschauung hindurch. Das ist etwas, was gewöhnlich mißverstanden wird und was dazu führt, daß man der anthroposophisch-wissenschaftlichen Weltanschauung nicht einen monistischen, sondern einen dualistischen Charakter beilegen will.

Das zweite, was sehr häufig zu Mißverständnissen führt, ist der Phänomenalismus, dem sich Anthroposophie gerade mit Bezug auf Naturwissenschaft hingeben muß. Wir haben ja gerade in dem für so vieles fruchtbarsten Zeitalter naturwissenschaftlicher Entwicklung, etwa in der Zeit, in welcher der bedeutende Naturforscher Virchow seine Rede gehalten hat über die Ablösung der philosophischen Weltanschauung durch die naturwissenschaftliche, erfahren, wie alles, was damals mit einer gewissen historischen Berechtigung an fruchtbaren Begriffen über das Anorganische gewonnen worden ist, dazu geführt hat, einen gewissen Rationalismus in der Naturwissenschaft zu begründen. Und das Zeitalter, das auf der einen Seite streng auf Empirismus gegenüber der äußeren Tatsachenwelt hinarbeitete, das erging sich doch in einem sehr weittragenden Rationalismus, wenn es dazu kam, die empirisch erkundeten Naturtatsachen zu erklären.

Demgegenüber steht nun die Anthroposophie auf dem Standpunkte, der sich ergibt — wenigstens für mich sich ergeben hat, wenn ich diese persönliche Bemerkung machen darf — aus der Goetheschen Naturauffassung heraus. Anthroposophie steht auf dem Boden einer phänomenologischen Naturauffassung. In einer gewissen Weise hat diese Phänomenologie in der neueren Zeit wieder Ernst Mach begründet, und so wie er sie begründet, scheint sie durchaus wiederum fruchtbare Gesichtspunkte zu enthalten, wenn man ihre Grenzen einhält. Es handelt sich bei Goethe einfach um das, was in seinen Worten liegt: Die Erscheinungswelt selbst ist schon genügend Theorie, man braucht nicht erst zu künstlichen Theorien fortzuschreiten. Die Bläue des Himmels ist ein Phänomen, innerhalb dessen man stehenbleiben und sich nicht herbeilassen soll, nun in rationalistischer Weise durch bloße Gedanken hinter den Erscheinungen zunächst hypothetische, angenommene Erklärungsgründe zu suchen. Goethe kam ja auf diesem Wege zur Statuierung dessen, was er «Urphänomen» nannte. Wenn auch, wie es ja selbstverständlich ist, im Laufe des für die Naturwissenschaft so fruchtbaren 19. Jahrhunderts vieles von dem überholt worden ist, was Goethe in der Naturwissenschaft wollte, so kann man doch sagen: Das Methodische, die Denkweise selbst, die Goethe in die Naturwissenschaft hineingetragen hat, ist heute nicht nur noch nicht überholt, sondern sie scheint mir überhaupt noch nicht gründlich genug verstanden zu sein.

Ich weiß sehr gut, wie im 19. Jahrhundert manches — man möchte sagen fast alles — von den Einzelheiten Goethescher Darstellungen über naturwissenschaftliche Dinge überholt worden ist. Dennoch möchte ich auch heute noch den Satz aufrecht erhalten, den ich in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts in bezug auf die Goethesche Naturanschauung ausgesprochen habe: daß Goethe der Kopernikus und Kepler ist für die organische Naturwissenschaft. Ich will diesen Satz aus dem Grunde auch heute noch aufrecht erhalten, weil ich glaube, daß folgendes durchaus gerechtfertigt ist.

Wodurch kommen wir denn schließlich zu einer wirklichen Naturanschauung auf dem Gebiete, auf dem gerade das 19. Jahrhundert so viel geleistet hat? Ich kann das, was ich meine, nicht anders begrenzen als durch diese historische Kategorie. Das, worin das 19. Jahrhundert in der Naturwissenschaft so viel geleistet hat, führt zuletzt fast überall zurück auf die Anwendung der mathematischen Methoden; denn auch da, wo man nicht rein mathematisch vorgeht, sondern nach anderen Kausalitätsprinzipien denkt, wo man Theorien ausgebildet hat, lag ja durchaus auch die mathematische Denkweise zugrunde.

Bezeichnend dafür ist etwa das Folgende: Wir haben gesehen, wie im Laufe des 19. Jahrhunderts gewisse Partien der Naturwissenschaft durchaus in einer gewissen rationalistischen Weise dadurch begründet werden sollten, daß man Mathematik in sie einführte. Bekannt ist der Kantsche Satz, daß eigentlich in jeder Wissenschaft nur so viel wirkliche Gewißheit sei, wie Mathematik in ihr zu finden sei. — Nun kann man selbstverständlich Mathematik nicht überall hintragen. Die Kausalitätserklärungen gehen weiter als die Möglichkeit mathematischer Begriffsbildungen. Aber das, was man so unternommen hat an Kausalitätserklärungen, das wurde doch weitgehend nach dem Muster mathematischer Begriffsbildungen unternommen. Und als sich dann Ernst Mach daranmachte, von seinem mehr phänomenologischen Standpunkte aus dieses Begriffssystem zu überschauen, mußte er auch auf den Begriff der Kausalität zurückblicken, wie er sich in der Naturwissenschaft im Laufe des 19. Jahrhunderts ausgebildet hat, und er wollte zu einem gewissen Inhalt für diesen Kausalitätsbegriff kommen. Zuletzt sagte er sich: Wenn ich eine Wirkung mit einer Ursache zusammendenke, so ist doch eigentlich nichts anderes darin enthalten als ein mathematischer Funktionsbegriff; zum Beispiel wenn ich sage: x ist gleich y, wobei ich unter x die Ursachen zusammenfasse und unter y die Wirkung, habe ich das Ganze auf diejenigen Begriffe zurückgeführt, die ich in der Mathematik habe, wenn ich den Funktionsbegriff bilde. Also man kann auch aus der Geschichte der Wissenschaften sehen, wie man den Mathematikbegriff in das ganze Gebiet der Naturwissenschaft hineingetragen hat.

Nun wird Goethe — und zwar mit einem gewissen Recht — gewöhnlich als ein Nicht-Mathematiker angesehen; er hat sich ja selbst als einen solchen bezeichnet. Aber wenn man so einfach Goethe als einen Nicht-Mathematiker hinstellt, so führt das auch wieder zu Mißverständnissen — in dem Sinne etwa, daß Goethe nicht viel im einzelnen mathematisch habe leisten können, daß er nicht besonders geschickt gewesen sei, auch schon zu seiner Zeit durchaus bestehende mathematische Exempel zu lösen. Das muß natürlich durchaus zugegeben werden. Ich glaube auch nicht, daß Goethe bei seinem ganzen Wesen sonderlich viel Geduld gehabt hätte, sich auf die Lösung einzelner mathematischer Exempel einzulassen, wenn es mehr ins Algebraische hineingegangen wäre. Das muß schon zugegeben werden. Aber Goethe war in gewissem Sinne, so paradox es klingt, mehr ein mathematischer Kopf als mancher Mathematiker; denn er hatte eine feine Einsicht in die Natur des Mathematisierens, in die Natur des Bildens von mathematischen Begriffen, und er schätzte diese Art und Weise zu denken, die ganz in dem inneren Seelenprozeß auch mit dem Inhalt der Vorstellung bleibt, wenn sie Begriffe bildet.

Man überschaut im Mathematischen, wenn man Begriffe bildet, innerlich vollständig alles. Nehmen Sie als ein einfaches Beispiel in der euklidischen Geometrie den gewöhnlichen Beweis dafür, daß die drei Winkel eines Dreiecks zusammen 180 Grad betragen, wo man oben durch die Spitze des Dreiecks eine Parallele zur Grundlinie zieht, die dort auf diese Weise entstandenen Winkel betrachtet, die als Wechselwinkel gleich sind den beiden anderen Winkeln des Dreiecks — der dazwischen liegende bleibt sich ja gleich —, und wo man dann sehen kann, wie diese drei Winkel dort an der Spitze zusammen 180 Grad betragen, also in ihrer Summe den drei Winkeln des Dreiecks gleich sind. — Wenn man das überschaut, hat man einen mathematischen Beweis, aber man hat zu gleicher Zeit etwas, wobei man gar nicht abhängig ist von einer äußeren Anschauung, sondern durchaus die Dinge in innerlichem Konstruieren überschauen kann. Hat man dann ein äußeres Dreieck, so findet man, daß durch die äußeren Tatsachen verifiziert wird, was man vorher innerlich überschaut hat. Das ist in der ganzen Mathematik so. Es bleibt alles so, daß man nicht an die Sinnesanschauung heranzugehen braucht, um zu dem zu kommen, was man «Beweis» nennt, daß aber alles, was man innerlich gefunden hat, auch äußerlich Stück für Stück verifiziert werden kann.

Diese besondere Art des Mathematischen ist es ja, welche Goethe gerade als die eminent wissenschaftliche ansah, und insofern war er wirklich ein guter mathematischer Kopf. Das liegt zum Beispiel auch der Führung jenes berühmten Gespräches zugrunde, das Goethe und Schiller einmal in der Blütezeit ihrer Freundschaft geführt haben über die Methode der naturwissenschaftlichen Betrachtung. Sie waren beide bei einem Vortrage, den der Naturforscher Batsch in der Naturforschenden Gesellschaft in Jena gehalten hatte, und als sie fortgingen, sagte ja Schiller zu Goethe über das, was sie dort gehört hatten, das sei eine zerstückelte Art, die Naturerscheinungen zu betrachten, damit komme man zu nichts Ganzem. — Man kann sich denken, daß Batsch einfach die einzelnen Naturobjekte nebeneinander hingeordnet und es unterlassen hatte, wie es ja auch durchaus einem Naturforscher der damaligen Zeit geziemte, irgendetwas vorzuführen, was zu einer Gesamtanschauung in der Natur führen konnte. Schiller empfand dies unbefriedigend und sprach sich darüber bei Goethe aus. Und Goethe sagte, er verstehe es, eine gewisse Einheit, eine gewisse Ganzheit in eine solche Naturbetrachtung hineinzubringen. Und er fing an, mit wenigen Strichen — er erzählt es ja selbst — die «Urpflanze» aufzuzeichnen, wie sie zu denken ist, wie sie innerlich angeschaut werden kann, nicht, wie sie in dieser oder jener Pflanze zu Tage tritt, sondern wie sie innerlich angeschaut werden kann mit Wurzel, Stengel, Blättern, Blüte, Frucht.

Ich habe in meinen Einleitungen zu den «Naturwissenschaftlichen Schriften» Goethes in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts versucht, das Bild, das damals Goethe auf das Papier vor Schiller hingeworfen hat, nachzuzeichnen. — Schiller sah sich das an und sagte dann aus seiner Denkweise heraus: Das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee. — Schiller hatte eben gemeint: wenn man so etwas aufzeichnet, so hat man das aus sich heraus gesponnen; das ist als Idee, als Gedanke ganz gut, hat aber in der Wirklichkeit im Grunde genommen keine Quelle. Goethe verstand diese Denkweise eigentlich gar nicht, und zuletzt endete das Gespräch damit, daß Goethe erwiderte, gewissermaßen das Gespräch zusammenfassend: Wenn das so ist, dann sehe ich meine Ideen mit Augen.

Was meinte denn Goethe damit? Er meinte — er hat es nicht so ausgesprochen, aber er meinte es: Wenn ich ein Dreieck hinzeichne, so hat es von selbst eine Winkelsumme von 180 Grad; und wenn ich noch so viele Dreiecke anschaue, das, was ich an diesem einen Dreieck innerlich konstruiert habe, das paßt auf alle Dreiecke; ich habe also etwas aus dem Innern heraus gewonnen, das nun in vollem Umfang auf das Erfahrene paßt. So wollte Goethe auch eine «Urpflanze» — gewissermaßen gemäß dem «Urdreieck» — zeichnen, und einen solchen Charakter sollte diese Urpflanze haben, daß man diesen bei jeder einzelnen Pflanze finden könne. Und so, wie die Winkelsumme jedes Dreiecks, wenn man das Urdreieck hat, 180 Grad beträgt, so sollte auch dieses ideelle Gebilde, die Urpflanze, in jeder einzelnen Pflanze wiedergefunden werden, wenn man die ganze Pflanzenreihe durchgeht.

In diesem Sinne wollte Goethe die ganze Wissenschaft gestalten. Im wesentlichen wollte er — er kam ja damit nicht weiter — die Wissenschaft des Organischen so gestalten und eine solche Denkweise einführen, wie sie sich für die Wissenschaft des Unorganischen als fruchtbar erwiesen hat. Man sieht das ganz besonders klar, wenn Goethe von Italien aus schreibt, wie er die Idee der Urpflanze immer weiter ausgebildet hat. Da sagt er ungefähr: Da, unter den Pflanzen in Süditalien und Sizilien in der Mannigfaltigkeit der Pflanzenwelt ist mir die Urpflanze ganz besonders aufgegangen, und es muß sich doch ein Gebilde finden lassen, das die Möglichkeit aller wirklichen Pflanzen in sich hat, ein Gebilde, das sich nach verschiedenen Seiten hin variieren kann; es nimmt dann diese oder jene, langgestreckte oder andere Blattform an, bildet bald die Blüte, bald die Frucht mehr aus und so weiter — so wie ein Dreieck stumpfwinklig oder spitzwinklig sein kann. Ein Gebilde wollte Goethe finden, nach dessen Muster alle Pflanzen gebildet sind. Es ist ganz falsch, wenn dann später Schieiden meinte, Goethe habe mit der Urpflanze eine tatsächliche Pflanze gemeint. Das ist nicht so — so wie auch der Mathematiker, der vom Dreieck spricht, nicht irgendein bestimmtes Dreieck im Auge hat —, sondern Goethe meinte ein Gebilde, das innerlich erzeugt wird, das sich aber in der Außenwelt überall verifiziert findet.

So war Goethe im Grunde genommen ein durchaus mathematischer Kopf, viel mathematischer als etwa die, die die Astronomie ausbilden. Und das ist das Wesentliche. Das veranlaßte Goethe auch, in diesem Gespräch mit Schiller zu sagen: Dann sehe ich meine Ideen mit Augen. — Er sah sie mit Augen, weil er sie überall in den Phänomenen verfolgen konnte. Er begriff gar nicht, daß etwas nur eine «Idee» sein sollte, weil er sich im vollen Einklang fand mit der Erfahrung, wenn er Ideen bildete; geradeso, wie der Mathematiker sich im Einklang fühlt mit der Erfahrung, wenn er mathematische Ideen bildet. Das aber führte Goethe, ich möchte sagen, durch eine innere Konsequenz dazu, zur bloßen Phänomenologie zu kommen, das heißt, nichts hinter den Erscheinungen als solchen zu suchen, vor allen Dingen nicht eine rationalistische Atomwelt zu konstruieren.

Nun, damit betritt man ein Gebiet, auf dem sich viele — ich kann aber doch nur sagen — auf Mißverständnissen beruhende Kämpfe gegenüber mancher naturwissenschaftlich-philosophischen Anschauung entwickelten. Es handelt sich zunächst einfach darum, das, was sich den Sinnen in der äußeren Welt darbietet, was also in der Beobachtung und im Experiment gegeben ist, rein als Phänomen zu betrachten. Goethe und mit ihm die ganze naturwissenschaftliche Phänomenologie beschränkt sich darauf, nicht gleich von irgendeinem sinnlichen Phänomen zu einem dahinterstehenden Atomgeschehen zu gehen, sondern zunächst das sinnliche Phänomen und das einzelne Element der sinnlichen Tatsachen rein ins Auge zu fassen, sie also nicht auf ein Dahinterliegendes zu beziehen, sondern auf andere Elemente in der sinnlichen Erscheinungswelt, und den Zusammenhang in der sinnlichen Erscheinungswelt aufzusuchen.

Man kann sehr leicht — ich verstehe vollständig, woher die entsprechenden Mißverständnisse kommen — eine solche Phänomenologie sogar trostlos finden. Man könnte zum Beispiel sagen: Wenn man sich nun bloß beschränken will auf das Beschreiben der gegenseitigen Beziehungen der sinnlichen Phänomene und dann diejenigen Phänomene aufsucht, die am einfachsten sind, in denen sich möglichst überschaubares Geschehen abspielt — und die Goethe «Urphänomene» nennt —, so kommt man bei einem solchen Vorgehen nicht zu einer Anschauung über jene unendlich fruchtbaren Dinge, die zum Beispiel die moderne Chemie geliefert hat. Wie, so könnte man fragen, kann man denn eigentlich gegenüber den Atomgewichtsverhältnissen auskommen, ohne eine Anschauung über eine atomistische Welt? Nun, in einem solchen Falle möchte man aber doch die Gegenfrage stellen: Wenn man sich nun wirklich besinnt auf das, was da vorliegt, hat man es denn da zu tun mit einer Notwendigkeit, vom Phänomen abzugehen? Man hat es gar nicht damit zu tun. Man hat es auch bei den Atomgewichtsverhältnissen mit Phänomenen zu tun, nämlich mit Gewichtsverhältnissen. Aber man könnte auch fragen: Führt es denn weiter, wenn man nun diese durch Zahlen ausdrückbaren Atomgewichtsverhältnisse dadurch zu erklären versucht, daß man gewisse Molekularstrukturen aus den Atomgewichten auf rein denkerische, rationalistische Weise bildet? Man kann eben auch diese Frage aufwerfen. Kurz, worum es sich handelt, wenn die Goethesche Denkweise ausgebildet wird, das ist: stehenzubleiben innerhalb der Phänomene selbst. Ich möchte dafür einen trivialen Vergleich gebrauchen.

Nehmen wir an, jemand bekommt ein aufgeschriebenes Wort vor sein Auge. Was wird er tun? Nun, wenn er nie lesen gelernt hat, wird er davor stehen wie vor etwas Unerklärbarem. Hat er aber lesen gelernt, so wird er unbewußt die einzelnen Formen zusammenfügen; er wird den Wortsinn in der Seele erleben. Aber er wird ganz gewiß nicht von den Formen aus, zum Beispiel beim W, etwas zu erklären versuchen, indem er den Ausgang nähme von dem nach aufwärts gehenden Strich, dann überginge zu dem nach abwärts gehenden, um dadurch auf etwas diesem Buchstaben Zugrundeliegendes zu kommen. Nein, er wird lesen — und nicht durch Unterlegungen erklären wollen. So möchte auch die Phänomenologie «lesen». Sie möchte innerhalb des Zusammenhanges der Phänomene stehenbleiben und lesen lernen, und nicht, wenn ich einen Komplex von Phänomenen habe, von ihm aus zurückgehen auf Atomstrukturen.

Es handelt sich also darum, das Feld des Phänomenalen hinzunehmen und in seiner eigenen inneren Bedeutung lesen zu lernen. Dadurch wird man dann zu einer Naturwissenschaft kommen, welche in ihren Inhalten nichts Rationalistisches, hinter den Phänomenen Konstruiertes hat, sondern welche einfach in der Art und Weise, wie sie die Phänomene überschaut, gewisse gesetzmäßige Strukturen findet. Überall wird dieser Naturwissenschaft eingegliedert sein die Summe der Phänomene selbst. Man wird auf eine bestimmte Art über die Natur reden. In dieser Art zu reden werden die Naturgesetze enthalten sein, aber überall werden m den Ausdrucksformen schon die Phänomene selber liegen. Man wird also das bekommen, was ich nennen möchte: eine den Erscheinungen immanente Naturwissenschaft. Nach einer solchen strebte Goethe. Die Art und Weise, wie er das betrieb, muß unter den Fortschritten der neueren Zeit verändert werden, aber es ist doch so, daß das Grundprinzip festgehalten werden kann. Und wenn dieses Grundprinzip festgehalten wird, stellt sich für die menschliche Auffassungsweise der Natur ganz von selbst etwas heraus, das ich in der folgenden Weise charakterisieren möchte.

Es ist ja ganz selbstverständlich, daß wir als gegenwärtige Menschheit unsere naturwissenschaftlichen Begriffe zunächst an der unorganischen Natur gebildet haben. Das ist dadurch veranlaßt gewesen, daß die unorganischen Naturerscheinungen verhältnismäßig einfach sind; das war aber auch veranlaßt dadurch, daß ja, wenn man ins organische Reich hinaufsteigt, durchaus auch die im Leblosen wirkenden Agenzien fortdauern. Wenn man vom Mineralreich zum Pflanzenreich heraufsteigt, dann ist es ja nicht so, daß etwa die leblose Wirkungsweise bei der Pflanze aufhörte; sie wird nur eingefaßt in ein höheres Prinzip, aber sie dauert in der Pflanze fort. Wir tun recht, wenn wir die physischen und chemischen Prozesse in den Pflanzenorganismus hinein weiterverfolgen, und zwar nach denselben Gesichtspunkten, nach denen wir gewohnt sind, sie in der unorganischen Natur zu verfolgen. Wir müssen dann nur auch die Fähigkeit haben, in unseren Begriffssystemen überzugehen zu veränderten, zu metamorphosierten Begriffen. Wir müssen schon verfolgen, wie das Unorganische auch verwendet wird in der Pflanze und wie dieselben Prozesse, die sich in der leblosen Natur finden, auch in die Pflanze hineingehen. Aber dadurch wird die Versuchung hervorgerufen, daß man wissenschaftlich nur das verfolgt, was sich aus der mineralischen Welt hereinerstreckt in Pflanze und Tier und dabei einfach unberücksichtigt läßt, was dann in den höheren Reichen dazu auftritt. Diese Versuchung wurde durch einen besonderen Umstand gerade im Laufe des 19. Jahrhunderts noch außerordentlich größer. Das ist in folgender Weise geschehen.

Wenn man die leblose Natur betrachtet, fühlt man sich gewissermaßen innerlich tief befriedigt, weil man die Erscheinungen mit mathematischen Gedanken verfolgen kann. Und es ist sehr begreiflich, daß Du Bois-Reymond in einer so wortreichen und glänzenden Weise m seiner Rede «Über die Grenzen des Naturerkennens» die Laplacesche Weltanschauung, die er die «astronomische Auffassung» des ganzen natürlichen Weltendaseins nennt, gefeiert hat, möchte ich sagen. Nach dieser astronomischen Auffassung wird ja nicht nur der Sternenhimmel so angesehen, daß man seine einzelnen Phänomene mit mathematischen Gedanken zusammenfaßt und sie dann als ein Ganzes, soweit es geht, konstruiert, sondern man versucht, auch damit unterzutauchen in die Konstitution der Materie. Man versucht im Molekül ein kleines Weltsystem zu konstruieren, wo sich die Atome so bewegen und zueinanderstehen wie die Sterne im Weltgebäude. Man konstruiert sich so im Kleinen kleinste Weltsysteme und hat die Befriedigung, daß man so im Kleinen dieselben Gesetzmäßigkeiten findet wie im Großen. So hat man in den einzelnen Atomen und Molekülen ein System sich bewegender Körper, wie man draußen im Weltgebäude das System der Fixsterne und Planeten hat. Das ist charakteristisch für die Art, wie man vor allem im 19. Jahrhundert gestrebt hat und wodurch, wie Du Bois-Reymond sagte, das Kausalitätsbedürfnis des Menschen sich befriedigt fühlt. Es ist das einfach entstanden aus dem Drang heraus, das mathematisch Fruchtbare in alle Naturerscheinungen hineinzutragen. Daraus entstand nun eben die Versuchung, bei diesem Mathematischen in der Betrachtung der Naturerscheinungen stehenzubleiben.

Es wird keinem einfallen, auch einem Anthroposophen nicht, wenn er nicht laienhaft über diese Dinge spricht, bestreiten zu wollen, daß dies alles seine Berechtigung hat, namentlich dann, wenn man innerhalb der Phänomene stehen bleibt und sich bemüht, die Einzelheiten, zum Beispiel der Astronomie, in diesem Sinne aufzufassen. Keinem wird es einfallen, dagegen einen Kampf zu führen. Aber im Laufe des 19. Jahrhunderts trat das ein, daß man bei dem, was die Welt darbietet, alles das übersah, was qualitativ ist, und nur das sah, was ja da ist und in allem Qualitativen drinnen ist: das, was durch die Mathematik zu erfassen ist. Da muß man unterscheiden: Man kann durchaus zugeben, daß diese mechanistische Welterklärung voll berechtigt ist; es ist gar nichts dagegen einzuwenden. Aber etwas anderes ist es, ob man sie auf bestimmten Gebieten als vollberechtigt erklärt oder ob man sie nun als das einzige mögliche Begriffssystem hingestellt will und mit diesem Begriffssystem schon alles in der Welt für erklärt halten will.

Hier liegt der Differenzpunkt. Es wird durch den Anthroposophen nicht im geringsten das bestritten, was seine Berechtigung hat. Die Anthroposophie kämpft nämlich gar nicht gegen die anderen, und es ist interessant, bei Diskussionen zu verfolgen, wie Anthroposophie eigentlich alles innerhalb der berechtigten Grenzen zugibt. Es fällt den Anthroposophen gar nicht ein, das, was durch die Naturwissenschaft geltend gemacht wird, irgendwie zu bestreiten. Sondern es handelt sich darum, ob es berechtigt ist, das ganze Gebiet der Phänomene mit der mathematisch-kausalen Denkweise zu umfassen, oder ob es berechtigt ist, aus der Summe der Erscheinungen dasjenige herauszunehmen, was mathematisch-kausal eine reine Abstraktion ist, und es hinzustellen als einen «erdachten» Welteninhalt, wie es zum Beispiel der frühere Atomismus getan hat. Heute ist der Atomismus bis zu einem gewissen Grade schon phänomenologisch geworden, und bis zu diesem Grade geht Anthroposophie ganz gewiß mit. Aber es handelt sich darum, daß heute eben noch etwas hereinspukt von dem im 19. Jahrhundert so ungoetheschen Atomismus, der sich nicht beschränkte auf die Phänomene, sondern der ein reines Begriffssystem hinter den Phänomenen konstruierte. Und wenn man sich nicht klar darüber ist, daß man es doch nur mit einem Begriffssystem zu tun hat, das die Welt hinter den Erscheinungen sucht, sondern sich der Anschauung hingibt, man habe mit diesem Begriffssystem ein Reales ergriffen, so wird man durch dieses Begriffssystem gewissermaßen festgenagelt. Denn es ist die Eigentümlichkeit solcher Begriffssysteme, daß sie den Menschen festnageln. Er wird durch sie zum Dogmatiker, und dann sagt er: Da gibt es Leute, die wollen das Organische mit ganz anderen Begriffen erklären, die sie von ganz woanders herhaben, aber das gibt es nicht; wir haben solche Begriffssysteme ausgebildet, die die Welt hinter den Erscheinungen umfassen, und die ist die einzige Welt und die muß auch das einzig Wirksame in bezug auf das Organische sein. — Aber auf diese Weise wird in die Betrachtung des Organischen das hineingetragen, was man für die Erscheinungen der unorganischen Natur ausgebildet hat; man sieht das Organische als auf dieselbe Art gebildet an wie die unorganische Natur.

Hier muß Klarheit geschaffen werden. Ohne diese Klarheit kann man niemals eine wirkliche Diskussionsgrundlage schaffen. Anthroposophie will durchaus nicht in dilettantischer Weise gegen berechtigte Methoden sündigen; sie will nicht sündigen gegen das Berechtigte des Atomismus, sondern sie will die Bahn frei haben für das Bilden von Gedankensystemen, wie sie früher für das Anorganische gebildet wurden und jetzt für andere Gebiete der Natur gebildet werden müssen. Das wird geschehen, wenn man sich sagt: In den Phänomenen will ich nur «lesen»; das heißt, das, was ich zuletzt über den Inhalt der Naturgesetze bekomme, liegt innerhalb der Phänomene selber — geradeso wie beim Lesen eines Wortes der Sinn in den Buchstaben selber hegt. Wenn ich recht liebevoll innerhalb der Phänomene stehenbleibe und nicht darauf aus bin, die Wirklichkeit irgendwie mit einem hypothetischen Gedankensystem zu durchsetzen, dann werde ich in meinem wissenschaftlichen Sinne frei bleiben für eine Weiterentwicklung der Begriffe. Und dieses Freibleiben ist das, was wir ausbilden müssen.


Wir dürfen uns nicht durch ein Begriffssystem, das wir für ein bestimmtes Naturgebiet vollberechtigt ausgebildet haben, festnageln lassen, es auf andere Gebiete anzuwenden. Bilden wir eine bloße Phänomenologie aus, was selbstverständlich nur dadurch geschehen kann, daß man die geschauten oder durch das Experiment dargestellten Phänomene mit Gedanken durchsetzt und verbindet und so zu Naturgesetzen kommt, bleibt man also innerhalb der Phänomene stehen, so bekommt man ein ganz anderes Verhältnis zum Gedanken selbst; dann bekommt man ein Erlebnis davon, wie in den Phänomenen selbst schon die Naturgesetze vorhanden sind, die dann in unseren Gedanken auftreten. Geben wir uns so diesen Gedanken hm, dann haben wir gar keine Berechtigung mehr, sofern wir innerhalb der Naturerscheinungen stehenbleiben, von einem Gegensatz zwischen dem subjektiven Gedanken und dem objektiven Naturgesetz zu sprechen. Wir tauchen einfach in die Phänomene unter und haben dann in den Inhalten der Naturgesetze einen Gedankeninhalt gegeben, den uns die Dinge selber geben. Deshalb sagte Goethe ganz naiv: Dann sehe ich meine Ideen — die eigentlich Naturgesetze waren — in der Natur mit Augen.

Wenn man sich in dieser Weise zu den Phänomenen der unorganischen Natur stellt, dann ist es möglich, dies in die Organik hinüberzutragen, auch im wissenschaftlichen Sinne. Wenn man dann sieht, daß ein Pferd braun oder ein Schimmel weiß ist, wird man das nicht auf unorganische Farben zurückführen, sondern es nur auf etwas beziehen, was als ein geistig-seelisch Lebendiges in einem Organismus selber lebt. Man wird verstehen lernen aus der erkrafteten inneren Organisation heraus, daß sich das Tier wie auch die Pflanze selbst die Farbe gibt. Selbstverständlich muß man dabei alle Einzelheiten, zum Beispiel das Funktionieren des Stoffwechsels, innerlich durchschauen. Aber man trägt dann nicht in die Organik das herauf, was man in der Unorganik gefunden hat. Man nagelt sich nicht fest auf ein bestimmtes Gedankensystem, und man wird nicht dieselbe Gesinnung, die man auf einem Gebiete gehabt hat, in die anderen Gebiete herauftragen. Man bleibt ein «mathematischer Kopf», mehr als die, welche die Begriffe nicht metamorphosieren wollen ins Qualitative hinein. So kommt man dazu, für die höheren Gebiete des Naturdaseins das innere Anschauen ebenso gelten zu lassen, wie man das innere Anschauen gelten läßt für leblose mathematische Gebilde. Das ist das, was ich hier nur kurz skizzieren kann, was aber, wenn es weiter ausgebildet wird, zeigt, daß die wissenschaftliche Seite der Anthroposophie durchaus das kann, was Goethe nannte: Rechenschaft ablegen vor jedem, auch vor dem strengsten Mathematiker. Denn das wollte Goethe mit der Ausbildung seiner Idee von der Urpflanze, zu der er gekommen ist, und mit der Idee des Urtieres, wozu er nicht gekommen ist. Und das will Anthroposophie: Hervorgehen lassen aus der Goetheschen Weltanschauung das, was diese in bezug auf die Erscheinungen der Natur konnte und vom Erfassen des Lebendigen in der Imagination aufsteigen zu dem Typus der Pflanze und zu dem Typus des Tieres. Ich habe schon in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts gezeigt, daß wir für die organische Natur die aus dem Unorganischen genommenen Begriffe metamorphosieren müssen. Davon werde ich in den nächsten Tagen noch weiter zu sprechen haben. Dadurch kommt man aber dazu, in der Organik dasjenige zu sehen, was das eigentliche Wirkungsprinzip, Gestaltungsprinzip ist. Und da möchte ich an den Schluß dieser Betrachtungen etwas hinstellen, was in den nächsten Tagen noch weitere Betrachtung erfahren wird, und was zeigen soll, wie diese materialistische Phase naturwissenschaftlicher Entwicklung von der Anthroposophie nicht unterschätzt wird.

Die Anthroposophie muß in dieser materialistischen Phase der Naturwissenschaft ein wichtiges Übergangsprinzip sehen, eine Erziehungsmethode, damit man einmal gelernt hat, sich rein der äußeren Sinnes-Empirie hinzugeben. Das war außerordentlich erzieherisch für die Entwicklung der Menschheit, und nur wenn man diese Erziehung genossen hat, kann man auch dazu kommen, gewisse Dinge mit voller Klarheit zu übersehen. Denn wer nun, ausgerüstet mit solchem Wissenschaftssinn die äußere materielle Welt betrachtet, der schaut, wie sich diese materielle Welt innerlich im Menschen «spiegelt», wenn ich mich dieses Ausdrucks bedienen darf.

Die Welt, wie wir sie im Innern erleben, ist mehr oder weniger eine Abstraktion, ein von Empfindungen und Willensimpulsen durchzogenes inneres Bild dessen, was die äußere materielle Welt ist; so daß wir, wenn wir vom Verfolgen der materiellen Außenwelt zum Geistig-Seelischen übergehen, zu einem bloß Bildhaften kommen. Halten wir das ganz streng fest: außen die Summe der materiellen Erscheinungen, die wir im phänomenologischen Sinne anschauen — im Innern das Seelisch-Geistige, mit einem gewissen abstrakten Charakter, mit einem Bildcharakter. Tritt man aber mit anthroposophischer Anschauung in die Betrachtung dessen ein, was der äußeren materiellen Welt geistig zugrunde liegt, in den Geist, der da wirkt in den Bewegungen der Sterne, in dem Werden der Mineralien, der Pflanzen und der Tiere, tritt man ein in das Geistige des Werdens der Außenwelt, lernt man diese durch Imagination, Inspiration und Intuition kennen, dann gibt uns auch das ein inneres Spiegelbild des Menschen. Aber was ist dieses innere Spiegelbild des Menschen? Das sind unsere materiellen Organe. Sie antworten mir jetzt auf das, was ich vorher kennengelernt habe als die Natur der Sonne, als die Natur des Mondes, der Mineralien, der Pflanzen, der Tiere und so weiter; darauf antworten mir die inneren Organe. Ich lerne das Eigene des menschlichen Organismus nur kennen, wenn ich das Äußere der Welt kennenlerne. Die materielle Welt außen spiegelt sich innen geistig-seelisch; die geistig-seelische Welt außen spiegelt sich innen in den Formen von Lunge, Leber, Herz und so weiter. Die inneren Organe sind, wenn man sie anschaut, so in einem Verhältnis zur geistigen Außenwelt, wie unsere Gedanken und Empfindungen zur materiellen Außenwelt in einem Verhältnis sind.

Das zeigt uns, wie die Anthroposophie durchaus nicht in einem schwärmerischen Sinne den Materialismus ablehnen will. Sehen Sie sich den ganzen Umfang der Naturwissenschaft an: Tausende werden unbefriedigt sein über das, was da aus der Naturwissenschaft mit den gewöhnlichen Methoden gewonnen wird. Die Anthroposophie wird durch ihre Methoden gerade über das Materielle der Welt eine Anschauung gewinnen, die nicht unbefriedigt lassen wird. Sie anerkennt das Materielle in der eigenen inneren Organisation und in dem Phänomenologischen der Umwelt; aber sie muß zu gleicher Zeit erkennen, daß diese innere Organisation ein Ergebnis, eine Konsequenz von kosmischem Geistig-Seelischen ist. Sie will daher auch das ergänzen, was in der Astronomie, in der Astrophysik, Physik oder Chemie nur mathematisch geleistet wird. Das wird sie in einer organischen Kosmologie und so weiter erkunden und dadurch auch zu einem Verständnis des materiellen Menschen vordringen. Darin liegen dann die Grundlagen für dasjenige, was Anthroposophie für die Medizin, die Biologie und so weiter geben will.

So glaube ich durch diese Andeutungen, die ich jetzt nur ganz skizzenhaft geben konnte, darauf hingedeutet zu haben, wie Anthroposophie, wenn man sie richtig erfaßt, nicht so angesehen werden kann, als ob sie von sich aus sich in einen Kampf stellen wolle gegen die gegenwärtige Wissenschaft; sondern die Dinge liegen so, daß die gegenwärtigen Vertreter der Wissenschaft noch nicht die Brücke zur Anthroposophie geschlagen haben, um zu sehen, wie die Anthroposophie streng wissenschaftlich auch gegenüber den Naturerscheinungen sein will.


 

 




Zuletzt aktualisiert: 24-Mar-2024
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