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GALILEI, GIORDANO BRUNO UND GOETHE

Berlin, 26. Januar 1911

Es ist eine weite Spanne Zeit, die übersprungen werden muß, wenn der geistige Blick sich von jener großen Persönlichkeit, von dem Zarathustra oder Zoroaster, welcher den Gegenstand des letzten Vortrages dieses Zyklus bildete, wenden soll bis zu jenen drei großen Persönlichkeiten, welche heute unseren Betrachtungen zugrunde liegen sollen. Von dem, was Jahrtausende vor unserer christlichen Zeitrechnung liegt und was uns nur erklärlich sein konnte dadurch, daß wir für jene Zeit ganz andere Seelenverfassungen bei den Menschen voraussetzten, gehen wir herauf bis in diejenige Zeit des sechzehnten, siebzehnten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, in welcher derjenige Geist, welcher bis in die Gegenwart herein in allen nach vorwärts sich bewegenden Kulturströmungen der Menschheit tätig und regsam ist, zuerst aufgeleuchtet ist. Zeigen soll sich uns dann, wie dieser Geist, der im sechzehnten, siebzehnten Jahrhundert so gewaltig aufleuchtet in Persönlichkeiten wie Giordano Bruno und Galilei, dann in einer gewissen Weise eine umfassende Ausgestaltung in einer Persönlichkeit gefunden hat, die uns so nahesteht wie diejenige Goethes. Galilei und Giordano Bruno sind die beiden Namen, die wir nennen müssen, wenn wir des Anfangs derjenigen Zeitepoche in unserer Menschheitsentwickelung gedenken müssen, in welcher die Naturwissenschaften an demselben Wendepunkte standen, an dem heute die Geisteswissenschaft steht. Was damals zuerst geradezu in einer gewaltigen Weise für das naturwissenschaftliche Denken getan worden ist, das muß in einer gewissen Weise im Laufe der nächsten Zeiten für das geisteswissenschaftliche Denken geschehen. Das wird uns insbesondere naheliegen, wenn wir — um im vollen Sinne des Wortes Galilei und Giordano Bruno zu verstehen — den Blick werfen auf die ganze Art und Weise des Denkens und Fühlens der Menschheit in der Zeit, in welche Galilei und Giordano Bruno um die Wende des sechzehnten, siebzehnten Jahrhunderts hineingestellt waren.

Da müssen wir allerdings auf eine zunächst ganz eigenartige Vertretung dessen zurückblicken, was man für die vorangehenden Jahrhunderte — etwa für die Zeit vom elften bis zum fünfzehnten Jahrhundert — im weitesten Umfange als Wissenschaft bezeichnete. Man muß sich klarmachen, daß für diese Jahrhunderte die Popularisierung, die allgemeine Bekanntmachung des Wissenschaftlichen eine ganz andere Gestalt als später in unserer Zeit haben mußte. Denn wir sprechen da von denjenigen Jahrhunderten, in denen es noch keinen Buchdruck gab, in denen die weitaus größte Anzahl der Menschen darauf angewiesen war, nur das als geistiges Leben entgegenzunehmen, was in Kirchen, Schulen oder dergleichen durch das mündliche Wort gebracht wurde. Daher ist es gerade für jene Zeit so bedeutsam, daß man sich ein Bild davon macht, wie der gelehrte, wissenschaftliche Betrieb war. In den Zeiten, die dem Zeitalter des Galilei und Giordano Bruno vorangegangen sind, kann ein wissenschaftlicher Betrieb dem Menschen von Heute nur schwer verständlich sein; man kann ihn nur verstehen, wenn man sich in etwas ganz anderes hineinfinden kann, als was heute gang und gäbe ist. Damals hätte man in jeden Hörsaal, überall wo Wissenschaft betrieben worden ist — sagen wir Naturwissenschaft dieses oder jenes Gebietes, auch Medizin und so weiter —, gehen können und man würde gehört haben, daß der, welcher etwas aus der Wissenschaft der damaligen Zeit vortragen wollte, nicht etwa auf das, was man in der damaligen Zeit in diesem oder jenem Institute beobachtet hatte, wie dieses heute geschieht, wo die wissenschaftlichen Methoden beachtet werden, ganz und gar sich stellte, sondern auf etwas, was allem Vorgetragenen, allem Betriebe des Wissenschaftlichen zugrunde lag in den alten Schriften des allerdings für seine Zeit unendlich bedeutsamen Aristoteles. Wie ein geistiger Riese ragt dieser Aristoteles empor, wenn man den Fortschritt der Menschheit geschichtlich betrachtet. Was er für seine Zeit geleistet hat, ist ein unendlich Bedeutsames. Was uns aber jetzt interessiert, ist, daß die Bücher des Aristoteles oft gar nicht in der Form, wie sie in der Ursprache vorhanden waren, gelesen wurden, sondern es wurde überall zugrunde gelegt, wie die Uberlieferung war: das gab den Ton an. Was man auch vortrug: über das, was Prinzip, Grundsatz war, was überhaupt irgendwie für eine Wahrheit in Betracht kam, darüber sagte man: Aristoteles hat über diesen Gegenstand so und so gedacht. So steht es im Aristoteles! — Während der heutige Forscher oder derjenige, der irgendwie die Wissenschaft selbst nur vorträgt oder sogar nur in populärem Stile vorträgt, sich darauf beruft, daß dieses oder jenes da oder dort beobachtet worden ist, berief man sich in den Jahrhunderten von Giordano Bruno und Galilei darauf, daß vor so und so viel Jahrhunderten der tonangebende Aristoteles diese oder jene Behauptung über diesen oder jenen Gegenstand gemacht hat. Geradeso wie man sich heute in bezug auf das Geistige auf die religiösen Urkunden und ihre Uberlieferung beruft und nicht auf die unmittelbare Beobachtung geht, so berief man sich damals in den Wissenschaften nicht auf die Natur und ihre Beobachtung, sondern auf das Uberlieferte, auf Aristoteles.

Es ist außerordentlich interessant, sich selbst noch in eine solche Universitäts-Vorlesung zu vertiefen, um zu sehen, wie die Mediziner überall bei ihren Kollegs die Theorien des Aristoteles zugrunde legten. Aristoteles aber war ein geistiger Riese. Und wenn man auch sagen müßte, daß selbst eine solche geistige Persönlichkeit nach Jahrhunderten nicht mehr unverändert vorgetragen werden sollte, so kann man auf der andern Seite doch wieder mit Recht denken: da Aristoteles so Bedeutsames und Großartiges geleistet hat, so müßten die Menschen doch, wenn sie auch nichts Neues gelernt hätten, wenn man ihnen immer wieder den jahrtausendealten Aristoteles vorgebracht hat, etwas Bedeutsames in ihre Köpfe hineinbekommen haben, denn es müßte bedeutend und nützlich gewesen sein, die tief einleuchtenden Lehren und Theorien des Aristoteles zu empfangen. Das war aber dennoch nicht der Fall, und zwar deshalb nicht, weil die, welche diese Lehren damals vortrugen und sie nach dem Aristoteles überall verkündigten, in der Regel nichts von Aristoteles verstanden, weil es im Grunde genommen eine unglaublich mißverstandene Lehre war, die da vorgetragen und überall vor Galilei und Giordano Bruno als «aristotelisch» gelehrt wurde. Ich will heute vom Standpunkt der Geisteswissenschaft nur das eine hervorheben, das zeigen soll, wie damals Galilei und Giordano Bruno sich in das geistige Leben ihrer Zeit hineinstellen mußten. Ich habe die Sache, die keine Anekdote ist sondern eine Wahrheit, oft erwähnt, will daher jetzt nur noch einmal darauf aufmerksam machen.

Da war einer der vielen Gelehrten, die auf Aristoteles schworen, der selbst mit Galilei befreundet war. Galilei war — wie auch Giordano Bruno — ein Gegner der Aristoteliker, nicht des Aristoteles, und zwar aus gutem Grunde. Galilei wies darauf hin, daß man sich an das große Buch der Natur, das zum Menschen spreche, selber wenden und nicht nur aus den Büchern des Aristoteles entnehmen sollte, was der Geist in der Natur bedeutet. Nun hatten die Aristoteliker eine merkwürdige Lehre damals vertreten: daß die Nerven, das ganze Nervensystem des Menschen vom Herzen ausginge, und daß vom Herzen aus sich die Nerven bis zum Gehirn hinauf und durch den ganzen Leib verbreiteten. Das — sagte man — habe Aristoteles gelehrt, und das sei wahr! Galilei, der nicht auf alte Bücher und alte Überlieferungen, sondern auf das hinweisen wollte, was man sieht, wenn man den menschlichen Leib untersucht, wies darauf hin, daß die Nerven vom Gehirn ausgingen, und daß die hauptsächlichsten Nerven vom Gehirn aus ihren Ursprung nehmen. Nun sagte dies Galilei seinem Freunde, er solle sich überzeugen, wie die Nerven vom Gehirn ausgingen. Ja, ich will es schon sehen, sagte der Betreffende und ließ es sich zeigen am menschlichen Leibe. Da war dieser Gelehrte, der glaubte, ein guter Aristoteliker zu sein, höchst erstaunt und meinte zu Galilei: Es schaut fast so aus, als wenn die Nerven vom Gehirn ausgingen, aber Aristoteles sagt doch, daß die Nerven vom Herzen ausgehen, und wenn hier nun ein Widerspruch zustande kommt, so glaube ich dem Aristoteles und nicht der Natur!

Das waren die Ausdrücke, die Galilei damals zu hören bekam. Aristoteles wurde zu allem herbeigezogen, was nur irgendwie Wissenschaft sein sollte. So wollte auch einmal ein kirchlich gesinnter Gelehrter über die Unsterblichkeitsfrage schreiben. Wie schrieb man damals? Man nahm, was man vertreten wollte, aus der Kirchenlehre, und nahm das dazu, was man glaubte, aus dem Aristoteles anführen zu können, um die betreffende Frage so oder so beweisen zu können, wie man sie beweisen wollte. Da hatte der betreffende Mann, der innerhalb des Verbandes der Geistlichkeit stand, allerlei Stellen in der Absicht herangezogen, über die Unsterblichkeitsfrage das zusammenzubringen, was die rechte Meinung des Aristoteles sei. Das ist nun wieder eine Wahrheit: da hat — weil die Geistlichen ihre Bücher den Oberen vorlegen mußten dieser Obere dem Betreifenden gesagt: Es ist gefährlich, man wird es nicht approbieren können, denn die Auszüge aus dem Aristoteles könnten auch das Gegenteil beweisen. — Da schrieb der Verfasser zurück: Wenn es nur darauf ankäme, noch deutlicher zu beweisen, daß Aristoteles etwas gemeint habe, was annehmbar sei, dann würde er es durch ein anderes Zitat belegen. Denn das könnte man auch machen! — Kurz, es wurde Aristoteles in jeder Weise gebraucht und mißbraucht.

Von diesem ausgehend wollen wir sehen, wie Aristoteles in der Zeit vor Giordano Bruno und Galilei mißverstanden worden ist, und wollen dazu gerade dieses Beispiel nehmen von dem Ausgang der Nerven vom Herzen. Was dahintersteckt, versteht man nur, wenn man weiß, daß Aristoteles, der am Ausgang der alten griechischen Kultur stand, damit auch zugleich am Ausgange derjenigen Zeit stand, in welcher das alte hellseherische Bewußtsein geherrscht hat. Und indem Aristoteles in seine Vorzeit hinaufsah, hatte er eine Wissenschaft überliefert, die herausgeboren war aus einem hellseherischen Bewußtsein, welches hinter die sinnlidie Welt in die geistige Welt hineinschaute. Dieses Bewußtsein hatte die alten Wissenschaften zustande gebracht. Und das, was uralte Wissenschaft war, was auch durch das Griechentum als uralte Wissenschaft heraufgelangt war, hatte Aristoteles, der selbst nicht mehr in der Lage war, ein solches hellseherisches Bewußtsein zu entwickeln, der nur ein intellektuelles Bewußtsein hatte, als ein Letzter registriert. Darüber sollte man nachdenken. Denn nicht umsonst ist Aristoteles der Begründer der Logik in der Geschichte! Das ist er, weil das intellektuelle, das beweisende Denken das maßgebende wurde. Aristoteles war also der, welcher uralte Lehren aufnahm und sie in ein logisches System in seinen Schriften brachte, so daß wir manches bei ihm nur verstehen, wenn wir wissen, was damit eigentlich gemeint ist. Und wenn Aristoteles von Nerven spricht, müssen wir dieses Wort bei ihm nicht so nehmen, wie es unser Zeitalter nimmt, auch nicht so, wie es das Zeitalter des Galilei und Giordano Bruno nahm, das ja dem unsrigen schon ganz verwandt ist, sondern wir müssen folgendes wissen. Indem Aristoteles von dem Nervenverlauf spricht, hat er dasjenige im Auge, was wir heute wiederum kennen als das nächste an den physischen Leib des Menschen sich anschließende übersinnliche Glied der Menschennatur: als den übersinnlichen Ätherleib des Menschen. Das ist etwas, was mit dem vorrückenden Menschenbewußtsein sich allmählich verloren hat aus dem, was der Mensch sehen kann. Aristoteles sah es auch nicht mehr, aber er übernahm diese Anschauung von den Zeiten, da das hellseherische Bewußtsein nicht nur den physischen Leib, sondern auch die ätherische Aura, den Ätherleib gesehen hat, der der eigentliche Aufbauer und Kraftträger des physischen Leibes ist. Aus den Zeiten, da man den Ätherleib so sah wie jetzt das Auge die Farben, nahm Aristoteles seine Lehre. Und wenn man nicht auf den physischen Leib, sondern auf den Äther leib blickt, dann ist in der Tat der Ausgangspunkt für gewisse Strömungen, die jetzt Aristoteles dem zugrunde legte, was man etwa gewöhnlich hinter dem Ausdruck «Nerv» sucht, nicht das Gehirn, sondern die Herzgegend. So meinte Aristoteles nicht unsere heutigen Nerven, sondern durchaus übersinnliche Strömungen, übersinnliche Kräfte, die vom Herzen ausgehen, zum Gehirn hingehen und nach den verschiedenen Richtungen des menschlichen Leibes verfließen. Das sind Dinge, die erst wieder die Geisteswissenschaft durch die Erkenntnis der übersinnlichen Teile und Glieder der Menschennatur begreiflich machen kann.

Nun hatte man, weil die Menschen ja nicht in der Lage waren, übersinnlich zu sehen, auch schon in den Zeiten, die dem Zeitalter des Giordano Bruno und Galilei vorangegangen waren, keine Ahnung mehr davon, daß Aristoteles die Ätherströmungen gemeint hat; man glaubte, er meinte die physischen Nerven, und behauptete deshalb: Aristoteles hat gesagt, die physischen Nerven gehen vom Herzen aus. Das meinten die Aristoteliker. Das konnten aber die, welche wußten, was in dem Buche der Natur steht, den Aristotelikern nicht zugeben. Daher der große Streit zwischen Galilei, Giordano Bruno und den Aristotelikern, da den richtigen Aristoteles niemand verstand — natürlich auch nicht Galilei und Giordano Bruno, die sich keine Mühe gaben, in den ursprünglichen Aristoteles einzudringen. Sie waren aber daher die großen Kulturträger für ihr Zeitalter und wiesen von der Buchgelehrsamkeit auf das große Buch der Natur hin, der Natur, die vor allen ausgebreitet ist.

Ein Mann — ich habe auch das schon einmal erwähnt den ich als Philosophen sehr schätze, der im Jahre 1894 Rektor der Wiener Universität war und eine Rektoratsrede über Galilei hielt, Laurenz Müllner, machte in dieser Rede darauf aufmerksam, daß Galilei in seiner umfassenden Größe mit seinem Verstände die großen Gesetze der Mechanik, der Raumeswirkungen durchschaut hat, die uns am meisten auffallen und zu unserem Herzen sprechen, wenn wir zum Beispiel der Peterskirche in Rom ansichtig werden. Wenn dieser mächtige Bau auf uns wirkt, dann erfährt tatsächlich jeder etwas, was wir verstehen können. Ich will es durch eine kleine Tatsache, die immerhin bezeichnend dafür ist, charakterisieren.

Es fuhren einmal der Wiener Feuilletonist Speidel und der Bildhauer Natter in die Gegend von Rom. Als sie in die Nähe von Rom kamen, da hörte Speidel eine ganz merkwürdige Bemerkung von Natter, der in einer gewissen Weise ein genialer Geist war. Plötzlich sprang Natter nämlich auf, und der Freund wußte gar nicht, was eigentlich mit ihm los war, er hörte nur die Worte: «Mir wird angst!» Er kam erst später darauf, weil Natter schwieg, daß dieser ganz von ferne den Turm der Peterskirche mit der Kuppel gesehen hatte.

So etwas wie ein Staunen über die Raumeskräfteverteilung, die da aus der Genialität des Michelangelo entsprungen ist, kann jeden überfallen, der diesen eigentümlichen Bau sieht. Da machte denn Laurenz Müllner auf die Tatsache aufmerksam, daß die Menschheit durch Galilei, diesen großen Denker, die Möglichkeit erhalten hat, mathematisch-mechanisch solche Raumesverteilungen zu denken, wie sie uns in dem schönen Gebilde der Kuppel der Peterskirche zu Rom entgegentreten. Gleichzeitig aber muß man betonen, daß fast in der Todesstunde des Michelangelo, des Erbauers der Peterskirche, Galilei geboren worden ist, der die mechanischen Gesetze gefunden hat. Das heißt: Es entsprang aus den Geisteskräften des Michelangelo diejenige Verteilung der Raumeskräfte, die der Menschheit für den Intellekt erst später zugänglich wurde.

An diesem Beispiel kann man begreifen, daß das, was man verstandesmäßiges, intellektuelles Wissen nennen kann, viel später kommen kann als das Zusammenstellen dieser Dinge in dem Raum. Wird so etwas einmal wirklich denkerisch betrachtet, dann werden es die Menschen eher für möglich halten, daß das Bewußtsein der Menschen eine Änderung erfahren hat: daß die Menschen früher ein gewisses Hellschen hatten und daß die Art des Denkens durch den Intellekt gar nicht so weit zurückgeht, sondern daß durch ganz gewisse geschichtliche Notwendigkeiten diese Art des Denkens erst in der Zeit des fünfzehnten, sechzehnten, siebzehnten Jahrhunderts entstehen konnte. Und Geister wie Galilei und Giordano Bruno bedeuten die ersten Tonangeber dessen, was dann kommen sollte. Daher ihre starke Opposition gegen die Aristoteliker und namentlich gegen die, welche den Aristoteles, der als ein Ausdruck alter Wissenschaft genommen werden könnte, erst falsch auslegten und ihn dann so auf die Natur anwandten. Damit haben wir zugleich die Weltstellung Galileis bezeichnet.

Oh, Galilei war im höchsten Sinne des Wortes der, welcher zuerst in die Menschheit jene Art strengen naturwissenschaftlichen Denkens hineinstellte, man möchte sagen, jene Art von Verhältnis der Naturwissenschaft zur Mathematik, wie sie für die ganze folgende Zeit bis in unsere Zeit herein tonangebend geworden ist. Was ist das Eigentümliche an Galilei? Galilei — ganz in dieser Beziehung ein Kind seiner Zeit — sagte sich mit einem kühnen Mut zuerst folgendes. Ich versichere Sie, mit solchen Worten kann man die Empfindung, die Galilei hatte, umschreiben, denn um die ganze Seele, die ganze Verfassung des Geistes Galileis zu begreifen, muß man das, was er empfand, etwa so beschreiben: Da stehen wir als Menschen auf der Erde. Es breitet sich vor uns die Natur aus mit allem, was sie unseren Sinnen, unserem Verstände zu geben vermag, der an das Instrument des Gehirns gebunden ist. Durch die Natur — so sagt etwa Galilei an unzähligen Stellen seiner Schriften — durch die Natur spricht ein Göttlich-Geistiges. Wir Menseilen schauen mit unseren Augen die Natur an und betrachten sie mit den anderen Sinnen. Was da unsere Augen wahrnehmen, was durch unsere Sinne empfunden wird, das ist aber hineingedacht in die Natur durch göttlich-geistige Wesenheiten. Zuerst leben die Gedanken der geistig-göttlichen Wesenheiten, dann kommen — herausspringend aus den Gedanken der göttlich-geistigen Wesenheiten — die sinnlichen Dinge der Natur wie die Offenbarungen der Gottesgedanken, und dann kommt unser Wahrnehmungsvermögen, vor allen Dingen unser Verstand, der an unser Gehirn gebunden ist. Dann stehen wir da, um zu entziffern, wie aus den Buchstaben ein Buch wird und dasjenige zustände kommt, was der Autor gemeint hat, das heißt, was die göttlichen Gedanken in der Natur zum Ausdruck brachten.

Galilei stand durchaus auch auf dem Standpunkt, auf dem alle großen Geister der Weltentwickelung gestanden haben, daß in den Naturerscheinungen, in den Naturtatsachen etwas wie Buchstaben gegeben ist, die den Geist der göttlich-geistigen Wesenheiten zum Ausdruck bringen. Der menschliche Geist ist dann dazu da, um zu lesen, was die göttlich-geistigen Wesenheiten in die Formen der Mineralien, in den Verlauf der Naturerscheinungen, selbst in den Verlauf der Sternbewegungen hineingeschrieben haben. Die menschliche Natur ist dazu da, zu lesen, was der göttliche Geist gedacht hat. Nur unterscheidet sich der göttliche Geist von dem menschlichen im Sinne Galileis dadurch, daß für den göttlichen Geist alles, was es gibt zum Denken, auf einmal unbegrenzt von Raum und Zeit in einem Augenblicke ausgedacht ist.

Nehmen wir das nur für ein Gebiet — für das Gebiet der Mathematik —, so werden wir schon sehen, wie eigenartig dieser Gedanke war. Denken Sie sich, wenn jetzt einer die ganze Mathematik, so weit sie schon von Menschen studiert ist, gebraudit, so muß er sich lange quälen, bis er sie beherrscht. Diejenigen, die hier sitzen, werden wissen, wie sehr die Auffassung mathematischer Gedanken durch den Menschen von der Zeit abhängig ist. Nun dachte Galilei sich: Was der Mensch im Laufe langer Zeiten erfaßt, das ist für den göttlichen Gedanken in einem Augenblicke da, ist nicht begrenzt von Raum und Zeit. Der menschliche Geist — dachte er sich — muß vor allen Dingen nicht glauben, daß er mit seinem Verstände, der an Raum und Zeit gebunden ist, den göttlichen Geist schnell erfassen kann, er muß versuchen, Schritt für Schritt zu beobachten, lichtvoll die einzelnen Erscheinungen zu beobachten. Er muß nicht glauben, daß man die einzelnen Erscheinungen überfliegen kann, daß man überspringen kann, was Gott als Grund der Erscheinungen vorgedacht hat. Galilei sagte sich: Es ist übel bestellt mit den Denkern, die nicht durch strenge Beobachtung dessen, was vor unserem Verstände in der Natur ausgebreitet ist, zur Wahrheit kommen wollen, sondern die durch ihre Spekulation, indem sie die einzelnen Dinge überfliegen, schnell zur Wahrheit kommen wollen. — Aber Galilei sagte das aus anderen Gründen, als es die sind, aus denen man dies heute oft sagt. Denn nicht deshalb wollte Galilei den menschlichen Geist auf die Beobachtungen beschränken, weil er geleugnet hätte, daß der große Geist mit den «Vorgedanken» dahintersteht, sondern weil ihm dieser göttliche Geist so groß und gewaltig und erhaben dadurch erschien, daß alles, was überhaupt an «Vorgedanken» da ist, in einem Augenblicke vorhanden ist, weil der menschliche Geist eine unendliche Zeit zur liebevollen Entzifferung der Buchstaben braucht, um nach und nach hinter die einzelnen Gedanken zu kommen. Aus Demut, wie tief der menschliche Verstand unter dem göttlichen Verstände steht, ermahnte Galilei seine Zeitgenossen: Ihr könnt nicht mehr hinter die Dinge schauen, — nicht, weil die Menschen es überhaupt nicht könnten, sondern weil die Zeit dafür abgelaufen ist.

Beobachtung, Erfahrung und Selbstdenken war es, was Galilei als das Maßgebende für seine Zeitgenossen hinstellte. Er konnte das, weil in gewissem Sinne sein Geist ganz mathematisch geordnet war, weil er ein so richtig mathematisches Denken hatte. Es ist ganz wunderbar, wenn wir zum Beispiel vernehmen, wie Galilei hört, daß in Holland etwas entdeckt ist wie die Fernrohre, durch die man in die fernsten Himmelsräume hinausschen kann. Man muß bedenken, damals gab es keine Zeitungen. Galilei hörte von Reisenden erzählen, daß in Holland etwas wie Fernrohre entdeckt worden ist. Da kam er von selbst darauf, als er so etwas hörte — es ließ ihm keine Ruhe und er erfand selbständig ein Fernrohr. Da war es das Fernrohr, mit dem Galilei seine großen Entdeckungen machte, die sich in das hineinstellten, was seit kurzem durch das kopernikanische Weltsystem zustande gekommen war. Um diese Zeit richtig zu verstehen, muß man zwei Dinge zusammendenken: das eine war, daß die Menschen nichts mehr von der alten übersinnlichen Wissenschaft verstanden und daß Galilei ein Pfadfinder für die neue Wissenschaft war. Und das zweite war, daß es in bezug auf die Sterne ein Bedeutsames war, daß Kopernikus unmittelbar vorher dem Weltbilde ein neues Antlitz gegeben hatte durch das äußere Denken über die Bewegungen der Planeten um die Sonne. Man muß sich nur einmal in die Lage der damaligen Menschen und in die Gemüter derjenigen versetzen, die da seit Jahrtausenden als Menschen geglaubt haben: Hier-mit dieser Erde — stehen wir fest im Raum! Und jetzt war dieses Denken geradezu auf den Kopf gestellt: die Erde mit riesiger Geschwindigkeit sich um die Sonne herum bewegend! Das war ein Gedanke, der buchstäblich den Leuten den Boden unter den Füßen wegzog. Man darf sich gar nicht über den gewaltigen Eindruck wundern, den ein solcher Gedanke machte, der in der Tat bei allen — ob sie Gegner waren oder ihm zustimmten — von tiefster Wirkung war. Für Geister wie Galilei war der Grund, warum Kopernikus zu dieser Anschauung gekommen war, ganz besonders ausschlaggebend. Vergegenwärtigen wir uns, warum Kopernikus besonders zu dieser Anschauung von der Bewegung der Planeten um die Sonne gekommen war.

Es herrschte bis dahin ein Weltsystem, das man auch nicht verstanden hatte, weil es eigentlich geistig gemeint war. So, wie man es verstand, war es ein vollständig unmöglicher Gedanke: dieses Ptolemäische Weltsystem. Denn man mußte sich vorstellen, daß die Planeten ganz komplizierte Bewegungen beschrieben, Kreise und noch einmal Kreise in den Kreisen. Es war besonders das ungeheuer Komplizierte der Vorstellungen, denen man sich hingeben mußte. Das war es, was solchen Geistern auch nicht recht zu Gemüte wollte. Kopernikus hat im Grunde genommen auch keine neue astronomische Entdeckung gemacht. Er hat sich nur gesagt: Nehmen wir den einfachsten Gedanken, wie wir die Bewegungen erklären können! — Er hat das ganze Weltbild in die Einfachheit dieses Gedankens gestellt. Es war etwas Großartiges, wenn in die Mitte gelegt wurde die Sonne, und in Kreisen sich herum bewegten die Planeten, oder, wie später Kepler nachgewiesen hat, in Ellipsen. Die ganze Anschauung grandios vereinfacht! Das war es, was besonders auch auf Galilei überzeugend wirkte. Denn er betonte immer: Es ist dem menschlichen Verstände angemessen, die Wahrheit in der Einfachheit anzuerkennen. Nicht das Komplizierte, sondern die Einfachheit ist das Schöne, — und das Wahre ist schön!

Wegen der Schönheit und der Schönheit in der Einfachheit nahm vielfach die damalige Zeit den Gedanken des kopernikanischen Weltsystems an. Und Galilei fand besonders das, was er an Einfachheit und an Schönheit in dem Kopernikus suchte. Jetzt stand er da, sah, was kaum einmal die Leute glauben wollten: sah die Jupiter-Monde! Ja, das Auge des Galilei sah zuerst die Jupiter-Monde, die den Jupiter umkreisen wie die Planeten die Sonne — ein kleines Sonnensystem: der Jupiter mit seinen Monden wie die Sonne mit den Planeten. Das war geeignet, ein Weltsystem zu bestätigen, das ganz auf den Gedanken der Sinneswelt gebaut war. So war es Galilei, der besonders den Gedanken des Kopernikus im kleinen für die Sinneswelt schaute. Dadurch wurde er besonders ein Pfadfinder der neueren Wissenschaft. So war er es, der zuerst eine Ahnung davon hatte, daß es Gebirge auf dem Monde, daß es Sonnenflecken gibt, und daß das, was als ein Nebelstreifen über die Sterne hingeht, eine ausgesäte Sternenwelt ist. Kurz, alles das kam, was man nennen kann: eine in der Sinnesweit ausgedrückte, «informierte» Schrift der Gottes Weisheit. Das war es, was so besonders auf Galilei wirkte. Die Zeit, die ganz aufgehen wollte in dem Anschauen der Sinneswelt, hatte für Galilei und seinen auf die Mathematik gebauten Geist etwas ganz Besonderes. Und so wurde Galilei der, der gewissermaßen den ersten Impuls für die Menschheit gab, zu sagen: Hinter diesen Sinnenteppich können wir zunächst doch nicht mit dem normalen Bewußtsein blicken. Das Ubersinnliche ist für keinen Menschensinn und auch nicht für den menschlichen Verstand da. Der göttliche Verstand umfaßt es außerhalb von Raum und Zeit. Der menschliche Verstand ist an Raum und Zeit gebunden. Also halten wir uns an das, was in Raum und Zeit für den menschlichen Verstand gegeben ist!

Da Galilei so vieles Große tun konnte, ist er tatsächlich auch philosophisch — wenn wir so sagen dürfen — einer der wichtigsten Pfadfinder der neueren geistigen Entwicklung der Menschheit. Was Wunder also, wenn wir in Galilei zu gleicher Zeit den Geist sehen, der nun auch für sich klar werden wollte, wie sich eigentlich die Sinneserscheinungen zum Menschen und zu seinem Seelenleben verhalten. Man spricht ja auch vielfach in populären Darstellungen davon, daß sozusagen Kant zuerst darauf hingewiesen hätte, daß die Welt um uns herum nur eine Erscheinung sei, daß man nicht vordringen könnte zum «Ding an sich». In einer etwas anderen Wendung als Kant hat schon Galilei auf diesen Gedanken hingewiesen, nur daß er überall hinter den Sinnesdingen den allumfassenden Gedanken des Göttlich-Geistigen sah und nur aus Demut annahm, daß der Mensch sich nur in langen Zeiten dem nähern könnte,-nicht aus Prinzip. Aber Galilei sagte: Wenn wir eine Farbe sehen, so macht sie einen Eindruck, zum Beispiel das Rot. Ist das Rot in den Dingen? — Galilei brauchte einen sehr bezeichnenden Vergleich, aus dem zugleich hervorgeht, wie falsch der Gedanke ist; aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf, den Gedanken als Zeitgedanken zu fassen. Er sagte: Man nehme eine Feder und kitzle einen Menschen an der Fußsohle oder an der Handfläche: da empfindet der Mensch einen Kitzel. Ist nun der Kitzel in der Feder?, fragte er. Nein, er ist etwas ganz Subjektives. In der Feder ist etwas ganz anderes. Und wie der Kitzel etwas Subjektives ist, so ist auch das Rot, das draußen in der Welt ist, etwas Subjektives. — Galilei verglich die Farben, sogar die Töne mit dem Kitzel, der mit der Feder auf die Fußsohle ausgeübt wird.

Wenn wir das ins Auge fassen, sehen wir sogar in Galilei schon dasjenige leben, was als Philosophie gerade der neueren Zeit gekommen ist, weil die Philosophie der neueren Zeit an der Möglichkeit zweifelt, daß der Mensch überhaupt irgendwie hinter den Teppich der Sinneswelt dringen könnte.

Sehen wir in Galilei den ruhigen, fest auf seinem Boden stehenden Pfadfinder, so tritt uns in dem etwas älteren Giordano Bruno — Galilei ist 1564 geboren, Giordano Bruno 1548 — der Mensch entgegen, der unmittelbar in seiner Persönlidikeit, in der Ganzheit alles das reflektiert, was in den anderen Geistern — in Kopernikus, in Galilei selber — wie überhaupt in der damaligen Zeit durch die Menschenseelen an großen Wahrheiten zog. Aus dem Geiste Giordano Brunos heraus reflektiert sich uns das alles wie in einer gewaltigen, umfassenden Stimmungs-Philosophie. Wie stand Giordano Bruno zur Welt — sie ganz aus dem Geiste seiner Zeit heraus als seine eigene tiefste Wesenheit empfindend?

Da sagte sich etwa Giordano Bruno: Aristoteles — nämlich wie er den mißverstandenen Aristoteles kannte — hat noch gesagt, es gäbe eine Sphäre, die bis zum Mond hinaufreicht, dann die verschiedenen Sternen-Sphären, dann käme die Sphäre des Göttlich-Geistigen, und außerhalb der Sternen-Sphären wäre der bewegende Gott zu suchen. — Giordano Bruno hatte also vor sich — im Sinne des Aristoteles — zunächst die Erde, dann die Sphäre des Mondes und der Sterne, und dann erst außerhalb dieser Welt und außerhalb dessen, worin der Mensch lebt, diese Welt im größten Umkreise drehend und wendend — buchstäbliäi wendend in den Drehungen und Bewegungen der Sterne — den göttlichen Geist. Das war ein Gedanke, den Giordano Bruno nicht mit dem vereinigen konnte, was jetzt die Menschheit erlebte. Was jetzt die menschlichen Sinne sahen, was der Sinn sah, wenn er auf Pflanzen, Tiere und Menschen blickte, wenn er die Berge, Meere, Wolken und Sterne sah, das erschien ihm als eine bewunderungswürdige Ausgestaltung dessen, was im Göttlich-Geistigen selber lebt. Und er wollte in dem, was sich da als Sterne bewegte, was als Wolken durch die Luft zog, nicht bloß eine Schrift des göttlichen Wesens sehen, sondern etwas, was zum göttlichen Wesen so gehört wie die Finger oder die anderen Glieder zu uns selber. Nicht einen Gott, der von außen, vom Umkreise aus auf das Sinnliche hereinwirkt, sondern einen Gott, der in jedem einzelnen Sinnlichen drinnen ist, dessen Körper, dessen gestalteter Leib die Sinnes weit ist: das war der Grundgedanke Giordano Brunos. Wollen wir verstehen, wie er zu einem solchen Grundgedanken gekommen ist, so müssen wir sagen: Es war das Entzücken, die Seligkeit über diese ganze neue Zeit dazumal! Da war vorangegangen eine Zeit, in der man nur in den alten Gedanken des Aristoteles gewühlt hatte. Die tonangebenden Gelehrten hatten, wenn sie durch Wald und Fluren gingen, kein Auge für die Reiche der Natur und ihre Schönheiten, sondern nur Sinn für das, was auf den Pergamenten stand, was von dem alten Aristoteles stammte. Jetzt war eine Zeit gekommen, wo die Natur zu dem Menschen sprach, die Zeit der großen Entdeckungen, wo solche gewaltigen Geister wie Galilei dazu drängten, von Angesicht zu Angesicht selbst ein Göttliches in der Natur zu erkennen. Das ganze Entzücken über dieses Göttliche gegenüber der entgöttlichten Natur des Mittelalters — das war gekommen! Das war es, was bei Giordano Bruno in jeder Fiber lebte.

Geist überall — sagte er — zeigen uns die Sinnesforschungen, und überall daher, wo uns ein Sinnliches entgegentritt, zeigt sich uns ein Göttliches! Es ist nur ein Unterschied zwischen Sinnlichem und Göttlichem: daß das Sinnliche uns — weil wir ja eng begrenzte Menschen sind — erscheint im Räume und in der Zeit. — Aber hinter dem Sinnlichen steht für Giordano Bruno der göttliche Geist, nicht so, wie er glaubte, daß er für Aristoteles gestanden habe oder für die Menschen des Mittelalters, sondern selbständig, nur daß die Natur sein Leib war, die alle seine Herrlichkeiten verkündete. Aber der Mensch kann den ganzen Geist in der Natur nicht überschauen, sondern er sieht überall nur ein Stück. In allen Dingen aber, in aller Zeit und allem Raum ist der göttliche Geist. Darum sagt Giordano Bruno: Wo ist das Göttliche? In jedem Stein, in jedem Blatt, überall ist das Göttliche, in jeder Ausgestaltung, insbesondere aber in den Wesen, die eine gewisse Selbständigkeit im Dasein haben. — Solche Wesen, die ihre Selbständigkeit empfinden, nannte er Monaden. Eine Monade ist für ihn das, was gleichsam im Meere des Göttlichen schwimmt und schwelgt. Alles, was eine Monade ist, ist zugleich ein Spiegel des Universums. So dachte sich Giordano Bruno den Allgeist zersplittert in viele Monaden — in jeder Monade, die ein selbständiger Geist war, etwas, was wie ein Spiegel das Universum empfand. Eine solche Monade ist die Menschenseele, und solcher Monaden gibt es viele. Selbst im menschlichen Leibe sind viele Monaden, nicht eine. Wenn wir daher nach Giordano Bruno die Wahrheit sagen würden über den menschlichen Leib, so würden wir darin nicht den fleischlich angeordneten menschlichen Leib zu sehen haben, sondern ein System von Monaden. Diese Monaden sehen wir nur nicht genau, wie wir auch nicht bei einem Mückenschwarm die einzelnen Mücken sehen. Würden wir genau sehen, so würden wir den menschlichen Leib als ein System von Monaden sehen, und die Hauptmonade ist die Menschenseele. — Von dem Leben, wenn es durch die Geburt für die Menschenseele ins Dasein tritt, sagt Giordano Bruno, es ist so, daß dann die anderen Monaden, die zur Seele gehören, sich zusammendrängen und dadurch die Erlebnisse der Hauptmonade, der Seelenmonade, möglich machen. Wenn der Tod eintritt, werden von der Hauptmonade die Nebenmonaden wieder entlassen, breiten sich aus. Geburt ist die Versammlung von vielen Monaden um eine Hauptmonade. Tod ist für Giordano Bruno die Trennung der Nebenmonaden von einer Hauptmonade, damit die Hauptmonade eine andere Gestalt annehmen kann. Denn jede Monade ist berufen, nicht nur die eine Gestalt, die wir hier erkennen, anzunehmen, sondern alle Gestalten, die möglich sind im Universum. An einen Durchgang durch alle Gestalten denkt Giordano Bruno. Damit steht er so nahe wie möglich — nur aus einem Enthusiasmus herausgeboren — der Idee von der Wiederverkörperung der menschlichen Seele.

Und in bezug auf die Auffassung der gesamten Wirklichkeit sagt Giordano Bruno sich: Der Mensch steht zunächst mit dem normalen Bewußtsein dieser Wirklichkeit gegenüber. Was ihm zunächst entgegentritt, sind die Sinneseindrücke. Das ist das erste Erkenntnisvermögen. Aber es gibt deren vier, sagte Giordano Bruno. Das erste, wodurch sich der Mensch Erkenntnisse verschaffen kann, sind die Sinneseindrücke; das zweite sind die Bilder, die wir in unseren Vorstellungen bilden, wenn wir die Sinneseindrücke nicht mehr vor uns haben, sondern uns nur daran erinnern. Da gehen wir schon tiefer in die Seele herein, ändern auch die Sinneseindrücke. Dieses zweite Erkenntnisvermögen nennt er die Einbildungskraft, wobei nicht an die Bedeutung dieses Wortes im heutigen Sinne gedacht werden darf, sondern womit im Sinne des Giordano Bruno gemeint ist: Nachdem der Mensch aufgenommen hat, was die Sinneseindrücke ihm geben können, bildet er sich-es ist das ein Im-Innern-Stehen — in die Eindrücke hinein. Es ist ein von außen nach innen Gewendet-Werden, also nicht ein Erträumtes, sondern ein von außen nach innen «Eingedrücktes». Dann hat Giordano Bruno den Gedanken, daß der Mensch, indem er die Dinge in dem Verstände verinnerlicht und dann weitergeht, gerade dadurch der Wahrheit näherkommt und sich nicht von ihr entfernt. Daher erkennt Giordano Bruno als das dritte Erkenntnisvermögen den Verstand an, den Intellekt. Dabeihat er genau den Moment im Sinne, wo wir von den Sinnesdingen aufsteigen und uns Gedanken machen, indem von der übersinnlichen Welt in uns ein Höheres einströmt, ein Wahreres, als es die Sinneseindrücke sind. Die vierte Stufe ist für Giordano Bruno die Vernunft. Die Vernunft ist jetzt wieder für ihn ein Leben und Weben in einem rein Geistigen.

So ist für Giordano Bruno eine Stufenfolge von vier Erkenntnisstufen vorhanden. Nur unterscheidet er dieselben nicht in der Weise, wie Sie dies zum Beispiel angegeben finden können in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» als gegenständliche Erkenntnis, imaginative Erkenntnis, inspirierte Erkenntnis und intuitive Erkenntnis, sondern er unterscheidet mehr abstrakt. Daher müssen wir dieses so auffassen, daß wir sagen: Giordano Bruno steht gerade am Ausgangspunkt der Zeit, welche das Erkennen für die sinnliche Anschauung herausfordert und sich daher Ausdrücke bedient, die uns mehr an die Ausdrücke der gewöhnlichen Erkenntnis für die Sinneswelt erinnern als für die höhere Welt. Aber wie Giordano Bruno hinaufschaut in die geistige Welt aus seiner gewaltigen Emphase, das können wir daran sehen, daß er sagt: Der göttliche Geist, der in allem lebt, der in allem seinen Leib hat, er hat das, was wir als Vorstellungen haben, als die vor den Dingen zu bedenkenden Ideen. Wie ist die Welt in Gott? Wie ist der Geist in Gott?, fragt er und sagt: Der Geist ist in Gott als Idee, als Vorgedanke der Welt. — Und wie ist für ihn der Geist in der Natur? Als Form, sagt er, und Giordano Bruno meint damit, was im göttlichen Geiste vorhanden ist als Ideen, das ist im Kristall, der eine Form hat, in dem Tier, das Form hat, in dem menschlichen Leib, der eine Form hat. Und was in den Dingen draußen als Form ist, das ist in der menschlichen Seele als Vorstellungen. Ja, noch genauer sagt Giordano Bruno: Die Dinge der Natur sind die Schatten der göttlichen Ideen; und unsere Vorstellungen sind die Schatten der göttlichen Gedanken!- Wohlgemerkt: Unsere Vorstellungen, sagt er, sind nicht die Schatten der Dinge, sondern die Schatten der göttlichen Gedanken. — Wenn wir also die Dinge der Natur um uns herum haben und darin die Schatten der göttlichen Ideen haben, so werden unsere Vorstellungen dadurch wieder befruchtet. Indem wir vorstellen, spielt herein der göttliche Geist mit seinen Ideen, so daß wir einen Strom haben, kann man sagen, der uns verbindet mit den göttlichen Ideen.

Wenn man die naturwissenschaftlichen Theorien sich ansieht, was sich heute als Monismus so un-Giordano-Bruno-mäßig geltend macht, was so ins Gesicht schlagend ist, das ist, daß diese Theorien sagen müßten, wenn sie konsequent sein wollten: Über die göttlichen Gedanken sprechen wir überhaupt nicht! Das sagt Giordano Bruno aber nicht. Er ist Spiritualist im eminentesten Sinne des Wortes. Was er aus der richtigen Begeisterung des Renaissance-Menschen heraus zu sagen hat, geht auf die Monade, auf ihre Zusammenziehung durch die Geburt und ihre Ausdehnung durch den Tod, auf das, was in die Vorstellungswelt von den göttlichen Gedanken hereinströmt, auf das eine einzige Wort: Die menschlichen Gedanken sind die Schatten der göttlichen Gedanken! Wenn man das versteht, hat man etwas von der Spiritualität des Giordano Bruno verstanden. Aber eines ist dazu nötig: der Appell zum Begreifen von dem mißverstandenen Giordano Bruno zu dem, was Giordano Bruno wirklich war. Er war der Geist, der das, was Galilei mehr intellektuell für das naturwissenschaftliche Denken gegeben hat, aus einem überschwenglichen Enthusiasmus heraus seinen Zeitgenossen übertragen hat. Daher klingt das, was aus Giordano Bruno stammt, so gewaltig, wie wenn die ganze Freude, das ganze Entzücken des damaligen Zeitgeistes, der sehen wollte, wie die Natur im Sinnlichen webt und lebt, im Geiste des Giordano Bruno aufjauchzte. Dieses Jauchzen wird selber Philosophie, weil der göttliche Geist, der überall draußen lebt, bewußt in der Seele des Giordano Bruno aufgeleuchtet ist. Daher verstehen wir solche Worte, die mit Recht gerade bei Giordano Bruno hervorgehoben werden sollen, die wie etwas klingen, was die Natur selbst den Menschen damals zu sagen hatte. Nur ein paar Worte seien davon angeführt.

Wie groß und wunderbar ist es, wenn Giordano Bruno diesen Gedanken im Gegensatz zu Aristoteles ausspricht: Nicht draußen, außerhalb der sinnlichen Welt, sondern überall, wo wir hinblicken, ist der Geist, der Geist der göttlichen Intelligenz. Es ist nicht die göttliche Intelligenz in etwas äußerlichem, nicht in etwas, wovon man dann sagen kann: Ein Etwas stößt im weiten Umkreise-nicht ein Herumstoßendes, im Kreise Herumführendes kann sie sein, sondern es ist des Göttlichen würdiger, ein inneres Prinzip der Bewegung zu sein, das in allem zu sehen ist, was in der Natur selber ist. — Das war die Sprache, die in dem damaligen Zeitalter erklang, das aus Giordano Brunos Seele selber sprach.

Wie kann man das eben Gesagte am besten wiedergeben, damit es so recht zu unserm Herzen spräche? Es hat schon auf diese Tatsache ein Geist aufmerksam gemacht, der es sich allerdings hat gefallen lassen müssen, ein zu enthusiastischer Verehrer des Giordano Bruno genannt zu werden — Hermann Brunnhof er welcher nachwies, was sich ergibt, wenn man wörtlich, nur in schöne Verse gebracht, das ausdrückt, was Giordano Bruno sagt:

Non est Deus vel in teiligen tia exterior circumrotans et circumducens;

dignius enim illi debet esse internum princípium motus, quod est natura propria, species propria, anima propria, quam habeant tot quot in illius gremio et corpore vivunt hoc generali spiritu, corpore, anima, natura anímantia, plantae, lapides quae universa ut diximus proportionaliter cum astro eisdem composita ordine, et eadem contemperata complexionum, symmetria, secundum genus, quantumlibet secundum specierum numeros singula distinguuntur.

Was war* ein Gott, der nur von außen stieße, Im Kreis das All am Finger laufen ließe! Ihm ziemts, die Welt im Innern zu bewegen, Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen, So daß, was in Ihm lebt und webt und ist, Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermißt!

So Zeile für Zeile übersetzt, gibt dieses Goethesche Gedicht eine poetische Übersetzung Giordano Brunos aus dem Geiste Goethes heraus! Man kann nicht Goethe sein — und etwa Giordano Bruno neben sich liegen haben, wenn man diese Verse hinschreiben will; es mußte dabei etwas spielen, was niemals spielen kann, wenn Goethe bloß einfach in poetische Form umgegossen hätte, was Giordano Bruno gesagt hat. Da sehen wir, wie in Goethe Giordano Brunos Geist ganz lebendig geworden ist.

Aber wir müssen nicht nur ein paar Jahrhunderte hinauf gehen, wenn wir von Galilei und Giordano Bruno kommen und Goethe sprechen lassen wollen, sondern wir müssen sozusagen auch bekennen, daß dasjenige, was bei Giordano Bruno wie aus der ersten großen enthusiastischen Stirnmung, aus der philosophischen Naturstimmung heraus entsprungen ist, bei Goethe diejenige Stimmung weckt, die nun mit voller Hingabe wieder von Ding zu Ding geht und den Gott, den der Mensch nun fühlen gelernt hat in der Natur, wieder hineinträgt in die Naturdinge. Bei Goethe ist die Giordano Bruno-Stimmung eben Stimmung geworden, ist gleichsam mit ihm geboren. Sie war da, als der siebenjährige Knabe das Notenpult seines Vaters nimmt, es hinstellt, Mineralien aus seines Vaters Sammlung darauf legt, um Naturprodukte zu haben, ebenso Pflanzen aus seines Vaters Herbarium, oben darauf ein Räucherkerzchen steckt und nun ein Brennglas nimmt, an den Strahlen der aufgehenden Morgensonne das Räucherkerzchen entzündet, um so dem Gotte, der in den Mineralien und Pflanzen lebt und dem er einen Altar errichtet hat, ein Rauchopfer darzubringen, das von den Kräften der Natur selbst entzündet ist. So lebt Giordano Bruno um die Wende des achtzehnten, neunzehnten Jahrhunderts in Goethe — aber so, daß das, was da als innerste SeelenVerfassung lebt, Goethe in alle Einzelheiten der Natur hineintrug. Gerade aus diesem Geiste heraus konnte es Goethe nicht begreifen, wie dem Menschen — nach Naturforschem der damaligen Zeit — in so äußerlicher Weise ein materielles Kennzeichen zugeschrieben werden sollte, das ihn von den Tieren unterschiede. Es war so ganz materialistisch gedacht, als die Naturforscher des achtzehnten Jahrhunderts sagten, der Mensch habe nicht jenen kleinen Knochen, den die Tiere in der oberen Kinnlade haben, den Zwischenkieferknochen, und der die oberen Schneidezähne enthält. Die Tiere hätten ihn — und das unterscheide den Menschen vom Tier. Es müßte in der Tat kein Gott sein, der inneres, bewegendes Prinzip der Natur wäre, sondern ein Gott, der von außen stieße, von dem Giordano Bruno sagt «circumrotans et circumducens», müßte es sein, der zuerst die Tiere gemacht hat und dann den Menschen daneben gestellt hätte und — wie um eine Marke anzukleben, daß die Menschen noch etwas anderes sind — bestimmt hätte: die Tiere haben den Zwischenkieferknochen, die Menschen haben ihn nicht! Daher wird Goethe der große Naturforscher, der darauf ausgeht zu zeigen, wie das, was in der Natur der Form nach lebt, eine Steigerung erfahren kann, so daß man in der Tat nicht in so etwas äußerem, wie es der Zwischenkieferknochen ist, den Unterschied zwischen Mensch und Tier finden könne, sondern daß im Menschen etwas lebt, was mit denselben Knochen und Muskein, wie sie die Tiere haben, den höheren Geist des Menschen ausmacht. Daher kommt es bei Goethe so wunderbar heraus, daß er nicht nur den Zwischenkieferknochen findet und zeigt, wie derselbe beim Menschen verwachsen ist, weil er nur ein untergeordneter Knochen ist, sondern es kommt bei Goethe auch heraus, wie die Rückenwirbelknochen aufgeblasen werden können, wenn der Geist, der in einem Gehirn tätig sein will, dies braucht.

Wahrhaftig: es war mir immer ganz wunderbar, als ich lange Zeit mit Goethes naturwissenschaftlichen Schriften gearbeitet hatte und in ein solches Prinzip einzudringen versuchte, wie das ist, wo Goethe sich die Schädelknochen einfach als umgestaltete Wirbelknochen vorstellt, indem diese ausgedehnt und zur Schädelhöhle werden. Da war es mir ein Gedanke, der gar nicht anders zu denken war als: Goethe müsse auch die Idee gefaßt haben, daß das Gehirn selber ein durch den Geist umgebildetes Rückenmark sei, so daß nicht nur die Umhüllung, sondern auch das Gehirn selber auf eine höhere Stufe hinaufgefördert das ist, was in den Wirbelknochen und im Rückenmark auf einer unteren Stufe vorhanden ist. Und es war mir ein wunderbarer Augenblick, als ich auf einem kleinen Zettel von Goethe mit Bleistift geschrieben fand in den neunziger Jahren, was dann von Professor Bardeleben mitgeteilt worden ist im Weimarischen Jahrbuch in einem Aufsatz «Goethe als Anatom»: Das Gehirn ist im Grunde genommen nur ein umgebildetes Stück des Rückenmarks.

So sehen wir in Goethe die Stimmung, die wir bei Giordano Bruno zum erstenmal finden, auf die einzelnen Glieder der Naturwesen angewendet, sehen, wie Goethe praktisch den Geist des Giordano Bruno — dem er ja selbst den Worten nach so nahe steht — in alles Naturdenken einzuführen versucht. Daher war es für Goethe so bedeutsam, in der ganzen Pflanzenwelt eine Umwandlung der Urpflanze zu sehen. Und neben dem, was Goethe, der Künstler, geleistet hat, steht groß und gewaltig da, was Goethe als Naturforscher geleistet hat, weil in gewisser Weise derselbe Geist, der von hellseherischen Stufen heruntergestiegen war zu einem sinnlichen Anschauen, sich in Goethe in einer Persönlichkeit verkörperte, die in der Beobachtung überall hingebungsvoll das Geistige auch wieder in die Einzelheiten hineintrug. Was sah Goethe in der einzelnen Pflanze? Den Ausdruck der Urpflanze. Und was war ihm die Urpflanze? Das Spirituelle, das Geistige in den einzelnen Pflanzengebilden. Da ist nun bedeutsam jenes Gespräch zwischen Schiller und Goethe, als beide in Jena eine Versammlung der naturforschenden Gesellschaft besucht hatten. Da ging Schiller heraus und sagte zu Goethe: Es bleibt doch alles so unbefriedigend, was da über die Pflanzen gesagt wird, worauf Goethe meinte: Man kann es ja vielleicht auch anders machen, so daß uns in der Tat nicht nur erscheint, was die Teile sind, die einem in der Hand bleiben, sondern was einem das geistige Band ist. — Goethe nahm nun ein Blatt Papier und zeichnete mit wenigen Strichen ein Pflanzengebilde vor Schiller hin. Er war sich klar darüber: das ist nicht bloß in der Lilie oder im Löwenzahn oder Ranunkulus vorhanden, sondern in allen Pflanzen, aber in den verschiedenen Pflanzen vermannigfaltigt. Da sagte Schiller, der dieses Gebilde der Urpflanze nicht verstehen konnte: Das ist keine Wirklichkeit, das ist eine Idee! Da war Goethe perplex und meinte nur: «Das kann mir sehr Heb sein, wenn ich Ideen habe, ohne es zu wissen, und sie sogar mit Augen sehe!» Denn Goethe sah das Geistige, das sich durch alle Pflanzen hindurch ausbreitet, sah es so, daß er es sogar zeichnen konnte. Und ebenso war es mit dem Urtier in allen Tieren.

So verfolgte Goethe den Gott, der nicht von außen stößt, sondern der im Innern alles bewegt, verfolgte den göttlichen Geist, der in allem webt und lebt, ganz konkret von Pflanze zu Pflanze, aber auch durch Blätter und Blüte und Frucht, ebenso von Tier zu Tier, aber auch von Knochen zu Knochen, von Tiergebilde zu Tiergebilde. Und interessant ist es, daß Goethe wenig verstanden wurde von seiner Zeit, daß man nicht wußte — wie ja Schiller auch nicht was Goethe eigentlich wollte. Aber nach und nach wird sich der Goethesche Geist einleben, auch in das Naturdenken. Dann wird man erkennen, daß auch der Goethesche Geist wieder um eine Stufe über Giordano Bruno hinaus war, daß Giordano Bruno gesprochen hat von dem Gott, der pantheistisch überall, in Steinen und Pflanzen und Tieren zu finden ist, daß aber Goethe zwar auch suchte den Gott, der nicht von außen stößt, sich aber weiter sagte: Wir dürfen nicht nur auf das Allgemeine sehen, sondern wir müssen auch zu den einzelnen Erscheinungen gehen und den Geist im Einzelnen suchen. — Denn anders lebt der Geist in der Pflanze, anders im Stein, anders in diesem, anders in jenem Knochen. Der Geist ist das ewig Bewegliche, der die einzelnen Teile der Materie formt. Die Materie folgt dem bewegenden Geist. Das kann man aus einem Geiste heraus aussprechen, wie es Giordano Bruno tut; das kann man aber auch in allen Einzelheiten mit der Hingebung suchen, wie es Goethe tut. Da kommt dann der Mensch immer mehr und mehr dazu, wirklich an das heranzutreten, was der ausgebreitete Teppich der Natur an Geist enthält, so daß sich ihm der Geist darin allmählich enthüllt.

Wenn wir so über die Stufenfolge solcher Geister denken, wie es Galilei, Giordano Bruno und Goethe waren, so werden wir uns endlich daran gewöhnen, an das zu appellieren, was der Grundnerv solcher Geister ist, und nicht beim Landläufigen stehenbleiben, denn auch über die großen Geister hören die Menschen so gern Phrasen. Mit Bezug auf Galilei, der mit seiner großen göttlichen Idee raumlos und zeitlos in dem Augenblick das ganze Leben umspannte, kann man wohl fragen: Was wissen denn unsere Menschen der Gegenwart über die eigentliche Bedeutung Galileis oftmals viel mehr als das eine Einzige, was ganz sicher nicht richtig ist, daß er gesagt haben soll: «Und sie bewegt sich doch!»? Dies ist zwar eine schöne Phrase, aber etwas — wie Sie aus den Forschungen des italienischen Gelehrten Angelo de Gubernatis erschen können —, was ganz gewiß nicht richtig ist. Und wie oft wird von Goethe immer wieder und wieder zitiert, daß sein letztes Wort gewesen sei: «Mehr Licht!» — das Einzige, was er nicht gesagt hat. Daher ist es notwendig, daß durch das, was Geisteswissenschaft ist, auch in den Geist solcher Persönlichkeiten hineingeleuchtet werde, und daß nicht nur unser eigener Geist, wie wir ihn so gerne haben möchten, in die verschiedenen Zeiten hineingetragen werde.

Diese drei Geister, die ein wunderbar gestimmtes Trifolium am Ausgangspunkte unserer neueren Zeit bilden, die in Galilei und Giordano Bruno wie eine Morgenröte dastehen, die dann in Goethe zur Sonne geworden ist, können wir am besten charakterisieren, wenn wir vielleicht denken an ein Wort Goethes selber, das uns so recht zeigt, wie er aus dem Geiste der neueren Zeit heraus empfand, daß selbst das kleinste Atom von Materie gar nicht sein kann ohne den dahinterstehenden Geist, der es an das andere heranbringt. Da können wir uns an die Situation erinnern, die Goethe selber schildert, als er dasteht, viele Jahre nach Schillers Tode, als man dessen Knochen in die Fürstengruft bringen wollte, und nun an einem besonders geformten Schädel den Genius Schillers wiederzuerkennen glaubte. Er glaubte Schillers Schädel wiederzuerkennen in einer ganz bestimmt ausgeprägten Schädelform, die dann auch in die Fürstengruft übergeführt worden ist. Und es zeigte sich ihm so recht, was wir an Galilei sahen: daß man in Demut und mathematisch den Geist finden muß. Sie besteht heute noch, die alte Kirchenlampe im Dome zu Pisa, die für unzählige Seelen hin- und hergependelt hat. Aber als Galilei einst davor saß, maß er an dem eigenen Pulsschlag die Regelmäßigkeit der Schwingungen der Lampe und entdeckte daran das heute so wichtige Gesetz der Pendelschwingungen, das ihm ein Gedanke der Gottheit war. Und so vieles. In Goethe ging am Grabe Schillers der Gedanke auf, der in Giordano Bruno lebte aus seiner philosophischen Begeisterung heraus: Geist ist in aller Materie, überall, aber nicht herumstoßend und herumführend, sondern als ein Geist, der im kleinsten Atom lebt! Dieses Spirituelle Giordano Brunos stand auch in Goethes Seele wieder auf, als er Schillers Schädel in der Hand hielt und — wie Wasser zu Eis geronnen — der Schillersche Geist ihm erscheint in der Schillerschen Schädelform. Die ganze spirituelle Grundanlage Goethes steht vor uns, wenn wir das schöne Gedicht Goethes betrachten, das er nach der Betrachtung von Schillers Schädelform schrieb, und besonders jene Zeilen, die so oft falsch zitiert werden, die nur aus der Situation heraus zu ergreifen sind, indem wir uns denken müssen, daß Goethe plastisch Schillers Individualität wie geronnen vor sich erblickte und dann sagte, wie er es sagen mußte gemäß der Eigenart des in Giordano Bruno und Goethe verwandten Geistes:

«Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen, Als daß sich Gott-Natur
ihm offenbare, Wie sie das Feste läßt zu Geist verrinnen, Wie sie das
Geisterzeugte fest bewahre!»


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